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Heine als Lebensaufgabe und -leidenschaft: Professor emeritus Manfred Windfuhr. Foto: Archiv Aisthesis

Lob des langen Atems - Manfred Windfuhr zum Fünfundneunzigsten

Mitte der 1950er Jahre kam ein bedeutendes Handschriften-Konvolut aus dem Nachlass Heinrich Heines, die sogenannte Sammlung Strauß, auf den Markt. Ein junger Marburger Doktorand mit Interesse an dergleichen Manuskripten ging zur Vorbesichtigung, kam dort ins Gespräch mit dem aus Weimar angereisten Direktor des Goethe-Schiller-Archivs, der ihm freudig erzählte, man werde die Heine-Handschriften kaufen. Der junge Germanist reagierte prompt. Er informierte seinen Doktorvater Friedrich Sengle, der diktierte ihm sogleich einen Brief an den Düsseldorfer Oberbürgermeister in die Maschine. Heines Nachlass gehöre unbedingt in seine Geburtsstadt, lautete die dringende Botschaft. So kam es dann auch. Der OB bedankte sich für den heißen Tipp.

Der umsichtige junge Germanist, er hatte gerade mit einer Dissertation über Immermanns erzählerisches Werk promoviert, war Manfred Windfuhr. Als um dieselbe Zeit, man schrieb Heines 100. Todesjahr, Bestrebungen zu einer neuen, wissenschaftlichen Heine-Gesamtausgabe in Gang kamen, schlug Professor Sengle seinen Mitarbeiter als Herausgeber der Edition vor. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) lehnte ab: Windfuhr sei „zu jung“. Ein Herausgeber Mitte 20, das habe es ja noch nie gegeben. Einige Jahre vergingen, Windfuhr setzte seine akademische Laufbahn fort und wurde schließlich doch Herausgeber der Historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke von Heinrich Heine („Düsseldorfer Ausgabe“), an der heute keine ernsthafte, quellengetreue Beschäftigung mit dem Dichter vorbeikommt.

1963 fiel der Ratsbeschluss, das Projekt in Gang zu setzen. Windfuhr und sein Team legten los. Er war nun nicht mehr „zu jung“, doch jung genug, die Mammutaufgabe persönlich bis zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. Zehn Jahre hatte man zunächst veranschlagt. Mehr als drei Mal so viele sollten es schließlich werden. Allein die Sammelphase – weil das Archivmaterial noch längst nicht vollständig war – nahm rund ein Jahrzehnt in Anspruch. 1973 erschien dann der erste Band, und 1997 war mit dem letzten von 23 Einzelbänden – sie füllen eineinviertel Regalmeter – das Werk vollbracht. Zwischendurch war man in der Stadtspitze schon ungeduldig geworden, wollte die Herausgabe beschleunigen, aber es blieb bei eher untauglichen Versuchen.

Es ist spannend, was Manfred Windfuhr über das geistige Klima der Nachkriegsjahre in Sachen Heine zu erzählen hat, etwa in einem vom Heine-Institut publizierten Gespräch von 2013. Wie da 1947, zum 150. Geburtstag des Dichters die Stadt einen Preis stiftete, der schon zwischen 1937 und 1943 an „deutsche arische Schriftsteller“ verliehen worden war – den Immermann-Preis. Windfuhr: „Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.“ Was für eine mediokre Heine-Feier 1956 im Schumannsaal über die Bühne ging, mit einem Redner, der „so viele Klischees über Heine“ verbreitete, „das war überhaupt nicht zum Anhören.“ Wie im selben Jahr die neu ins Leben gerufene Heine-Gesellschaft mit einem hochgradig NS-belasteten Gründungsvorsitzenden vorliebnahm. Das verbreitete Heine-Bild nicht nur in Düsseldorf, so Windfuhr, war damals „immer noch der junge Heine, der Romantiker, der Buch der Lieder-Autor. Der Reisebilder-Autor und alles andere, was sonst wichtig ist bei Heine, spielte eine sehr geringe Rolle.“ Zugleich schien es lange Zeit undenkbar, dass sich die Universität der Stadt den Namen des Dichters geben würde, wie es dann 1988 endlich geschah. Auch hieran hatte Professor Windfuhr mit seinen Veröffentlichungen und Diskussionsbeiträgen gehörigen Anteil.

Dafür sei ihm gedankt, verbunden mit den gebührenden Glückwünschen, denn am 24. Oktober begeht der in Remscheid-Lennep Geborene seinen 95. Geburtstag. Und wie er vor 70 Jahren nur vermeintlich zu jung für eine anspruchsvolle Herausgeberschaft war, so ist er heute nicht zu alt für weitere geistige und publizistische Abenteuer. Vor einigen Jahren legte er die umfassende literatur- und kulturwissenschaftliche Studie Zukunftsvisionen. Von christlichen, grünen und sozialistischen Paradiesen und Apokalypsen vor. Und sein bestes Geschenk in diesem Monat macht er sich abermals selbst: Da erscheint ein Buch zu seinem Lebensthema, unter dem Titel: Heinrich Heine – Vom Triaspoeten zum polyphonen Autor. Prozesse und Wandlungen (Georg Olms Verlag). Je länger und tiefer er sich mit Heine beschäftigt, bekennt er im Vorwort, „desto unwiderstehlicher wird er.“

Olaf Cless