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Mathilde Dietrichson, Selbstporträt (Ausschnitt), 1865, Öl auf Leinwand. Foto: Rune Aaakvik, Oslo Museum

Kultur

Düsseldorf

Malweiber unerwünscht

(oc). Über tausend Gemälde umfasst der Sammlungsschwerpunkt Düsseldorfer Malerschule des Kunstpalastes. Davon stammen mal gerade 16 Werke von Frauen. Es war also kein Leichtes für Kuratorin Kathrin DuBois und ihr Team, eine Ausstellung ganz über Künstlerinnen zustande zu bringen, die im 19. Jahrhundert in Düsseldorf tätig waren. Da musste noch viel geforscht und gefahndet werden. Doch nun ist es vollbracht. Seit Kurzem ist Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter zu sehen und rückt immerhin 31 Namen in den Blick. Frauen waren damals zum Studium an der Kunstakademie nicht zugelassen. Sie mussten also Privatunterricht nehmen, sofern sie es sich leisten konnten, und brauchten auch sonst viel Willensstärke. Obwohl einige von ihnen, etwa Elisabeth Jerichau-Baumann, Marie Wiegmann oder Paula Monjé, zu Lebzeiten „erstaunlich präsent“ waren, wie DuBois betont, sind sie doch „heute fast alle vergessen“. Was die Schau ändern will.

Bis 1. 2. 2026 im Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf

 

 

 „Ein Abschied steigert den Marktwert“: Christine Prayon. Foto: Elena Zaucke

Duisburg

Die Sache mit dem Abschied

Hier ausnahmsweise mal eins zu eins der Original-Ankündigungstext einer Künstlerin, und zwar der Kabarettistin Christine Prayon, die schon lange auf Abschiedstour ist, aber nicht wirklich vorhat, Abschied zu nehmen, stattdessen in Aussicht stellt, ihr nächstes Programm könnte Comeback heißen. Hier also ihre Ankündigung fast ohne Punkt und Komma: „Sie möchten wissen, was Sie für Ihr Geld hier bekommen? Natürlich, gerne. (Lesedauer: 9 Sekunden) christine prayon wird kein kabarett im landläufigen sinne machen sie interessiert sich nicht für die pure kritik am bestehenden wenn nicht gleichzeitig über alternativen und utopien geredet wird auch findet sie dass es an der zeit ist die welt zu retten das kann sie aber nicht alleine was sie übrigens auch nicht kann und noch viel weniger will ist am klavier sitzen und über sogenannte frauenthemen singen (…) ach ja und birte schneider steht heute abend auch nicht auf der bühne wer ist das überhaupt.“ Alles klar?

11. 10., 20 Uhr (Einlass 19 Uhr), Steinhof, Düsseldorfer Landstr. 347, 47259 Duisburg, steinhof-duisburg.de

 

Organistin Yoerang Kim-Bachmann und Pianistin Frederike Möller wandern am 22. 10. auf ihre Weise durch Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Foto: ido

Düsseldorf

Fifty Shades of Orgel

(oc). Es orgelt wieder ordentlich in der Stadt: Das 20. Internationale Düsseldorfer Orgelfestival (ido) hat begonnen und beschert uns rund 50 Termine im Oktober. Das Jubiläumskonzert Mein Name ist Mensch ist als ambitioniertes Gesamtkunstwerk mit Orgel, Schauspiel, Chor und Ensemble angelegt, das durch die Musikepochen wandelt und sich auf die Suche macht „nach dem, was uns im Innersten verbindet“ (4. 10. Ev. Johanneskirche). In der Berger Kirche erklingt Fado-Musik vom jungen Kölner Ensemble Cantus Portugueses – betörend melancholische Weisen, geboren aus Armut, Liebeskummer und Heimweh; Mark Kassl wirkt mit am Akkordeon, bekanntlich eine Art kleine Orgel (16. 10.). Bei David Schollmeyers Orgelspiel wiederum heißen die Musiktitel etwa Alles klar auf der Andrea Doria oder Kinder an die Macht, denn auf dem Programm stehen Lindenberg und Grönemeyer. Sollte es die Hörer von den Bänken reißen, wäre das okay: Ort ist die Auferstehungskirche (23. 10.).

ido-festival.com

 

Als die Friedensbewegung in Schwung kam: Beliebtes Plakatmotiv um 1980.

Krefeld

Wider das atomare Wettrüsten

(oc). Vor 45 Jahren war Krefeld in aller Munde, dank des „Krefelder Appells“, mit dem die westdeutsche Friedensbewegung die damalige Bundesregierung aufforderte, die Zustimmung zur Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Europa zurückzuziehen und in der NATO auf ein Ende des Wettrüstens zu drängen. Der Appell, den über vier Millionen Menschen unterschrieben, war Resultat eines zweitägigen Forums, das im November 1980 im Krefelder Seidenweberhaus tagte. Just hier veranstaltet nun das Bündnis „Vom Krefelder zum Berliner Appell“ – letzterer wendet sich seit 2024 gegen neuerliche US-Raketenstationierungspläne auf deutschem Boden – am 25. Oktober einen großen friedenspolitischen Nachmittag mit bekannten Redner*innen, Schauspieler*innen, Liedermachern und Bands. Margot Käßmann und Dieter Hallervorden z. B. schicken Video-Botschaften, die Krefelder Ethnoband Tchalo wirkt ebenso mit wie die Hip-Hopper um den dreifachen Weltmeister Majid Kessab.

25. 10., 15-19 Uhr, Seidenweberhaus, Theaterplatz 1, 47798 Krefeld; vom-krefelder-zum-berliner-appell.de

 

Kurzgeschichten und Fotografien

Das unordentliche Leben

(oc.) „Auch die Stadt selbst ist abenteuerlich gebaut“: Ein Satz des Düsseldorfers Harry alias Heinrich Heine. Christina Müller-Gutowski hat ihn als Titel ihres Buches gewählt, und wer wissen möchte, wie er weitergeht, bekommt die Antwort gleich auf dem allerersten Foto im Buch. Wir haben es nämlich mit einer „Textcollage mit Bildern“ zu tun. Die Autorin beweist einen genauen Blick sowohl in ihren Kurzgeschichten und Gedichten als auch mit der Fotokamera. Wobei sich die „abenteuerliche“ Beschaffenheit der – oft deutlich wiedererkennbaren – Stadt hier wesentlich in ihren Menschen manifestiert, im sichtbaren Alltag auf Straßen und Plätzen, am Bahnhof und anderswo, unterwegs in Bus und Bahn. Und da ist dann auch die Armut nie weit. „Ganz unauffällig kommt sie daher“, kommt näher, sickert ein, heißt es einmal, und die leise Raffinesse des Textes liegt darin, dass man erst denkt, hier sei von der Armut allgemein die Rede, dabei werden bereits konkrete Menschen geschildert, die sich leibhaftig durch die öffentlichen Verkehrsmittel arbeiten, mit einem Musikinstrument, einer Straßenzeitung oder mit Taschen, in denen Leergut klirrt. Und wenn man dem Flaschensammler genauer zuschaut, was die Autorin natürlich tut, wird klar: Er legt eine regelrechte „Choreographie“ an den Tag, einen gekonnten, „wohleinstudierten Bewegungsablauf“. Er beherrscht seine Arbeit, die ihm die Armut diktiert. Müller-Gutowski verharrt jedoch nicht im Beobachten. Vielmehr verwandelt sie ihren Stoff auch in fantasievolle Kurzgeschichten. Zum Beispiel: Ein Mann lernt eine eigenwillige junge Frau ohne festen Wohnsitz kennen – er hat ihr bei einer Fahrkartenkontrolle aus der Patsche geholfen –, eine Frau, die sich ihm beharrlich entzieht und am Ende nur den Satz hinterlässt: „Was du brauchst in deinem Leben, ist Unordnung.“ Seither sucht er sie überall. Vielleicht hat sie längst die Stadt gewechselt. Es gibt in dem Band auch Geschichten, wo man sich sofort sagt: die kann eigentlich nur das Leben selbst geschrieben haben. Eine mit dem Titel „Bahndamm“ zählt dazu. Oder auch eine längere Aufzählung unterwegs aufgeschnappter Gesprächsfetzen, darunter: „Wo war ich eigentlich in der Nacht von Freitag auf Sonntag?“

Christina Müller-Gutowski: „Auch die Stadt selbst ist abenteuerlich gebaut“. Eine Textcollage mit Bildern, Arachne Verlag Bonn 2022, 124 Seiten, 16 Euro

 

Roman

Verfolgte Muttersprache

Einfach nur „ë“ heißt der Debütroman von Jehona Kicaj, die 1991 im Kosovo geboren wurde und als Kind nach Deutschland kam. Dieser für uns seltene Buchstabe kommt im Albanischen häufig vor. Es ist die Muttersprache der Autorin – und die Sprache, die in den Jahren der serbischen Verwaltung im Kosovo verboten war.

Den blutigen Konflikt, der in den Kosovo-Krieg von 1999 mündete, erlebte Kicaj nicht mehr vor Ort, aber in ihrem autofiktionalen Roman erzählt sie vom Trauma, das er für ihre Familie bedeutete. Die Ich-Erzählerin spürt die Trauer der Mutter um den verschwundenen Großvater, sieht Fotos von niedergebrannten Häusern, hört von Massakern an den Landsleuten. Als Grundschülerin verbirgt sie ihre Muttersprache und trainiert sich mit aller Macht ihren fremden Akzent ab. Noch einmal soll die Lehrerin nicht über ihr rollendes R lachen! Sprachliche Missverständnisse erlebt das Mädchen nicht nur schambesetzt, sondern als drohende Auslöschung seiner Existenz.

Unterdessen ist Jehona Kicaj Literaturwissenschaftlerin und Autorin. Ihr Roman „ë“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert. Darin schildert sie packend, wie viel eine solch perfekte Integration ein Migrantenkind kosten kann. Die Ich-Erzählerin hat sich jahrelang so heftig auf die Zähne gebissen, dass diese beschädigt sind, die Kiefergelenke extrem verspannt. Der Zahnarzt verordnet eine Beißschiene und Entspannungsübungen. Aber die Ich-Erzählerin kennt die Ursache: „Ich zermahle jedes einzelne Wort, bevor ich spreche.“

eva pfister

Jehona Kicaj: ë. Roman, Wallstein Verlag 2025, 176 Seiten, Hardcover, 22 Euro

 

Wörtlich

„Beinahe täglich bauen wir menschlich ab, senken wir unsere ethischen Standards, gewöhnen wir uns an neues Leid.“

Nava Ebrahimi, im Iran geborene, in Deutschland aufgewachsene Schriftstellerin („Und Federn überall“), in ihrer Eröffnungsrede zu den diesjährigen Klagenfurter Literaturtagen