Junger Wasserträger
Ein sehr junger Mann. Schlank, fast schmächtig. Ziemlich neu beim Getränkelieferdienst Biermobil angestellt. Tag für Tag wuchtete er die schweren Behälter, jeder fasste 12 Literflaschen, in die Häuser, die Wohnungen, die Keller, wie von der Kundschaft gewünscht. Offenbar hatte er im Moment keine andere Arbeit gefunden.
Für eine alte Frau musste er die schweren Lasten jeweils in den dritten Stock ohne Lift bringen, immer sechs Kästen Mineralwasser, drei mal zwei, sein Gesicht wirkte verschlossen, in sich gekehrt, man sah die Mühsal, er geriet ordentlich außer Atem und in Schweiß.
Die Frau gab ihm ein Trinkgeld, wenn die letzten Schwergewichte in ihrer Küche gestapelt waren. Nach dem dritten Lieferbesuch sagte er: „Sie müssen mir nichts extra geben, das hier ist schließlich mein Job. Ich bin für Sie da, wenn Sie nicht mehr schwer heben können, und das können Sie ja nicht, entschuldigen Sie, aber man sieht es. Der Service ist inklusive.“ Und die Frau antwortete: „Ich gebe es Ihnen gern, ich bewundere nämlich jedes Mal Ihre Kraft und Geduld, wenn Sie die Flaschen wieder zu mir heraufschleppen.“
Da entspannten sich seine noch fast kindlichen Gesichtszüge, er sah der Frau zum ersten Mal in die Augen und sagte: „Wissen Sie, das tut gut, wenn man endlich mal eine Anerkennung spürt. Sowas gibt es nämlich fast nie. Meistens wird geschimpft, dass die Flaschen nicht zur richtigen Zeit kommen, dass man noch nicht damit gerechnet oder ewig darauf gewartet hat und sich jetzt abhetzen muss. Oder dass es gerade überhaupt nicht passt, oder dass die Ware immer noch nicht perfekt aufgestellt ist, oder was noch alles falsch laufen kann. Einen Dank gibt es ganz selten.“
Die Frau sagte: „Ja, ich beobachte auch, dass der Umgangston immer böser und roher wird, dass die Äußerungen immer egozentrischer werden. Und ich kann mir nicht erklären, aus welchem Grund. Bitte, was meinen Sie?“
„Es hat mit der Corona-Epidemie zu tun“, sagte der junge Wasserträger. Er legte die gestreckten Hände vorn an die Schläfen, scheuklappengleich, so dass sich sein Gesichtskreis auf einen schmalen Vorwärtsblick verengte. „Das haben die Leute damals gemacht."
Dann sagte er: „In der Corona-Zeit haben sie sich so benommen, ja, aber jetzt, nach dem Ende der Seuche, ist es sogar noch schlimmer geworden“. Er klappte nun die steifen Handteller zu, fest auf seine Augen, so dass er überhaupt nichts mehr sehen konnte. „Jetzt wissen Sie, was ich meine“, sagte er. „Und hier ist Ihre Rechnung.“
Vera Forester