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Die Fliegen machen sich surrend davon. Wir setzen Anna auf den Stuhl, legen ihr eine warme Jacke um die Schultern und einen Schlafsack um die Beine. (Foto: Gemini)

Hilflos - Aus dem Alltag in der fiftyfifty-Sozialberatung von unserem Streetworker Oliver Ongaro

SOS ist ein Notsignal, dass 1906 als internationales Morsezeichen oder als ausgeschriebene Buchstabenfolge verwendet wird, um in einer Notlage Hilfe anzufordern. 

Der Mann steht vor der Sozialberatung des Straßenmagazins fiftyfifty und gestikuliert wild mit den Händen. Zwei Straßen weiter weg würde eine Frau im Gebüsch liegen. „Ist echt dringend, die sieht richtig mies aus“, meint er. Dort, auf einer kleinen Rasenfläche liegt tatsächlich eine junge Frau. Ihr Gesicht drückt sich ins Gras direkt neben einem Hundehaufen, ihre Kleidung ist klitschnass und es riecht übel nach Urin. Mit viel Überredungskunst und der Aussicht auf ein Bier sowie eine Zigarette bekommt mein Sozialarbeiter-Kollege Johannes sie dazu, aufzustehen und mit zur Beratungsstelle zu kommen. Leicht schwankend, mit gesenktem Kopf macht sie sich auf den Weg. Schließlich sitzt sie tatsächlich vor dem Büro von fiftyfifty, Anna, 37 Jahre alt, obdachlos, in der einen Hand eine Kippe, in der anderen Hand eine Flasche Bier. Mit gebeugtem Oberkörper, immer Gefahr laufend, vom Stuhl zu fallen, nuschelt sie vor sich hin.

Auf der Straße schlafe sie, nein, sie hätte keine Tasche und auch sonst nichts. Sie wolle nur hier sitzen und nicht in eine Notunterkunft. Um ihren Rock, der an den Beinen klebt, kreisen Dutzende von dicken schwarzen Fliegen. Mit einer weiteren Zigarette bestechen wir Anna, dass sie uns ihre Beine zeigt. Wir wollen wissen, ob es offene Wunden gibt, irgendetwas muss die Fliegen ja anziehen. Auf Anhieb ist nichts zu sehen. Der gerufene Rettungswagen nimmt Anna nicht mit, sie möchte nicht einsteigen. Auch die eingeschaltete Ärztin vom psychosozialen Dienst, die zusammen mit dem Ordnungsdienst der Stadt Düsseldorf eintrifft, ist ratlos. Weil Anna noch ansprechbar ist, sei es kein Fall für eine Zwangseinweisung. Mit eineinhalb Meter Sicherheitsabstand zu den Fliegen erklärt die Ärztin ihr noch, wo es Anlaufstellen für obdachlose Frauen gibt. Dann fährt auch sie wieder. Wir stehen vor Anna, hilflos. Was machen wir jetzt mit ihr? Sie bräuchte eine Dusche, saubere Kleidung, aber mit den Fliegen können wir sie auch nicht in unsere Räumlichkeiten lassen. Eine halbe Stunde reden wir noch auf sie ein, sie solle mit uns zu einer Notschlafstelle fahren. Anna schüttelt nur den Kopf, sie will nicht.

Schließlich holen wir unseren Sprinter vor die Beratungsstelle, holen saubere Kleidung und Handtücher aus dem Keller und bereiten einen Eimer mit warmem Wasser und Seife darin vor. Mit einer weiteren Flasche Bier bekommen wir Anna auf die Ladefläche in den Sprinter. Meine Kollegin Charlotte wäscht sie mit einem Waschlappen ab und zieht ihr neue Sachen an. Die Fliegen machen sich surrend davon. Dann setzen wir sie wieder auf den Stuhl, legen ihr eine warme Jacke um die Schultern und einen Schlafsack um die Beine. Wir stellen ihr noch ein Bier und eine Packung Zigarette daneben. Mittlerweile ist es schon 18 Uhr und wir, die Helfenden, gehen zu einem Ort, den eigentlich alle haben sollten, unser Zuhause. Ein Zuhause, das Anna nicht hat.

Am nächsten Morgen um kurz nach 8 Uhr sehe ich Anna wieder, schlafend auf dem Stuhl, der Schlafsack ist ihr von den Beinen gerutscht. Völlig schutzlos, geht mir durch den Kopf. Am Mittag endlich ist sie bereit, mit uns zu einer Notschlafstelle für obdachlose Frauen zu fahren. Später bekommen wir einen Anruf, Anna ist nicht dort geblieben.

 

Am Mittag treffe ich zusammen mit der Kollegin Lisa bei einem Streetworkrundgang am Hauptbahnhof auf Resa. Er hat keine Schuhe an, seine Hände ziehen die ganze Zeit an seinem dreckigen Trägershirt, dabei schaukelt sein Körper unermüdlich hin und her. Sein Blick ist wirr. Seinen geschwollenen Unterarm ziert eine frisch genähte Narbe und ein faustgroßer eitriger Abszess. Er freut sich, uns zu sehen. Vor zwei Jahren, als Resa auf der Straße gelandet ist, kam extra sein Bruder aus Kanada. Ich sehe das Bild noch genau vor mir. In der Baugrube am Grand Central, wo damals Dutzende obdachlose und drogenabhängige Menschen hausten, versuchte sein Bruder ihn zu überreden, mit in ein Hotel zu kommen. Vergebens, Resa wollte nicht. Völlig hilflos hat mich der Bruder am Abend angerufen.

Inzwischen ruft Lisa bei Ronny an, einem Krankenpfleger, der Obdachlose auf der Straße versorgt, der Arm müsse behandelt werden. Eigentlich muss Resa ins Krankenhaus, so die medizinische Diagnose. Das hässliche Wort Amputation steht im Raum, wenn der Abszess am Arm nicht aufgeschnitten wird. In dem Zustand geht Resa aber niemals mit uns in ein Krankenhaus. Während Ronny einen Verband mit einer entzündungshemmenden Salbe anlegt, müssen wir seinen Arm mit beiden Händen fixieren, so stark sind seine Zuckungen. Zum Abschied umarmt Resa uns und bedankt sich mehrmals, dann geht er weiter Richtung Worringer Platz, nur mit Socken an seinen Füßen und auf der Suche nach einem Zug aus einer Crackpfeife.

Die Buchstaben SOS als Abkürzung für „save our souls“ werden großformatig in den Sand oder Schnee geschrieben, damit Besatzungen von Flugzeugen oder Hubschraubern diese sehen und Hilfe schicken.