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Intro: Noemi Pohl über das Hinsehen

Liebe Leser*innen,

manchmal braucht es die Ferne, um besser zu verstehen, was vor der eigenen Haustür passiert. Fünf Tage in Marseille haben mir gezeigt, dass der Kauf von fiftyfifty weit mehr ist als finanzielle Hilfe für Wohnungslose.
Angereist bin ich für das Meer, die Sonne, das Essen und die Vielfalt der Stadt. Natürlich war mir bewusst, dass ich in der gefährlichsten Stadt Europas – übrigens gerade wegen ihrer rauen Viertel das Trend-Reiseziel bei jungen Leuten – auch Verwahrlosung und Armut begegnen würde. Das stört mich normalerweise nicht. Und doch bin ich in Marseille erschrocken: Wohnungslose scheinen für die Stadt regelrecht unsichtbar zu sein. Ein bedeutend großer Teil ist jung, Anfang zwanzig, in meinem Alter – als könnten sie meine Kommiliton*innen sein. Und es sind viel mehr: Über 16.000 Menschen leben auf Marseilles Straßen, in Düsseldorf etwa sind es knapp 730. Aber es geht nicht um die schieren Zahlen: hier fühlt es sich grundlegend anders an. Als ich durch den Cours Julien laufe, das alternative Viertel mit seinen vielen Bars und Cafés, verstehe ich plötzlich, warum: Man spürt, ob eine Stadt hinschaut - oder eben nicht. Marseille zeigt mir, was passiert, wenn eine Stadt keine funktionierenden Strukturen schafft, unzureichende Hilfsangebote macht und Menschen wegschauen. Hier gibt es zu wenige Obdachlosenunterkünfte, keine Straßenzeitung.

Genau hier, liebe Leser*innen, liegt der Unterschied. Ich, Sie, wir sind der Unterschied: Der Kauf einer fiftyfifty schafft Begegnungen auf Augenhöhe. Plötzlich stehe ich nicht mehr stumm vor einem obdachlosen Menschen oder wimmle ihn schnell ab, sondern kaufe eine Zeitung. Ich führe ein kurzes Gespräch und behandle jemanden als das, was er ist: ein Mensch mit einer Geschichte.

Der Kauf einer fiftyfifty durchbricht die unsichtbaren Mauern zwischen zwei Menschen, die sich gegenüberstehen. Und mit ihr das Stigma, das an Wohnungslosen haftet. Diese kleinen Momente des Respekts verändern das Stadtbild. Diese Begegnungen schaffen die Basis für einen Umgang mit Obdachlosen, der menschlich ist. 2,80 Euro - ein Kaffee kostet mehr. Auch wenn wir nicht von heute auf morgen die Obdachlosigkeit beenden können, haben wir die Wahl: Schauen wir hin oder schauen wir weg?

Ich danke Ihnen, dass Sie diese Zeitung gekauft haben. Ihre 

Noemi Pohl