Lachen in Zeiten von Corona und überhaupt

Juni 2020. Corona. Die wohl schwerste Krise seit Gründung unserer Zeitung vor 25 Jahren. Wer sie jetzt nicht kauft, muss ein Herz aus Stein haben. Oder? Wenn nur 5 Prozent der Menschen in unserem Verbreitungsgebiet ein Exemplar kaufen würde, wäre die Auflage wieder gut und die Existenz der fiftyfifty und all der Projekte, die daran hängen, nicht mehr gefährdet. Also bitte: kaufen, kaufen, kaufen (und nicht einfach nur einen Euro in den übrigens nicht erwünschten Bettelbecher) - es lohnt sich.

Denn: Inhaltlich ist das neue Heft mal wieder sehr lesenswert.

In der Titelgeschichte beschäftigt sich Hans-Peter Heinrich mit der Heilsamkeit des Lachens. Der Mensch lacht, bevor er spricht. Lachen ist dem Menschen von Natur aus mitgegeben. Es ist ein angeborener Reflex, der einer Hirnregion entspringt, die älter ist als unser Sprachzentrum. Für das Lachen betreibt der Körper einen ungeheuren Aufwand, vergleichbar mit den hohen Anforderungen des Leistungssports. Warum der Mensch lacht, ist ein bis heute ungelöstes Rätsel.

Außerdem gedenkt Hans-Peter Heinrich des Schriftsteller Charles Dickens, der vor 150 Jahren gestorben ist. Seine Lebensgeschichte könnte einem seiner Romane entsprungen sein. 1812 wird er in eine kinderreiche Familie geboren, die täglich mit Armut und Schulden zu kämpfen hat. Während der Vater wieder einmal im Schuldgefängnis sitzt, muss er als Zwölfjähriger die Schule verlassen und wird in eine Schuhwichsfabrik gesteckt, um mit seinem Hungerlohn die Familie durchzubringen. Sein täglicher Weg zur Fabrik führt ihn durch die Elendsviertel Londons, die er später so eindrucksvoll in seinen Romanen schildern sollte.

Kabarettist Abdelkarim schreibt über seine persönlichen Erfahrungen beim Social Distancing: "Bleibt einfach Zuhause! Haltet Abstand! Abstand halten ist für mich ganz einfach: Ich rufe einmal „Allahu akbar!“ und alle sind weg. Aber ich weiß auch: Vielen anderen Menschen fällt social distancing schwer und für die habe ich einen Tipp. Esst Sucuk! Das ist türkische Knoblauchwurst mit Knoblauch und Knoblauch. Jeden Tag zwei Stück und ihr habt Ruhe."

fiftyfifty-Sozialarbeiterin Julia von Lindern reflektiert über zunehmende Armut durch und nach Corona: "Derzeitige Schätzungen gehen von knapp vier Millionen Arbeitslosen bis zum Jahresende aus. Gleichzeitig ertönen die Rufe der großen Konzerne nach Steuerentlastungen, während über Sonderabgaben auf die großen Vermögen nicht gesprochen wird. Der Ifo-Chef und einflussreiche Ökonom Clemens Fuest betonte bereits am 29.04.2020 , dass erneut die Bürger*innen die Corona-Folgekosten zu tragen hätten. Erneut sollen die Bürger*innen doppelt zahlen, durch geringere staatliche Leistungen und durch höhere Steuern, betont Fuest. Ohne entsprechend wirkungsvolle Schutzmaßnahmen läuft unsere Gesellschaft sehenden Auges so in den sozialen Notstand. Der Umgang der Politik mit der Pandemie schafft eine neue Armut, die z.B. bei der Lebensmittelausgabe sichtbar wird, die fiftyfifty gemeinsam mit dem Kulturzentrum zakk mit Unterstützung von Stiftungen und Spenden kurzerhand ins Leben gerufen hat. Fast 200 Menschen pro Tag nutzen binnen zweier Stunden die Ausgabe, dort werden sie mit Grundnahrungsmitteln, frischem Ost und Gemüse sowie Hygieneartikeln versorgt. Völlig unbürokratisch, barrierefrei und ohne Armuts-Nachweis."

Unser Kulturredakteur, dessen monatlicher "zwischenruf" seit über zwei Jahrzehnten zu den Highlights der fiftyfifty gehört, diesmal über ein absurdes "Kino"-Vergnügen in einer Autowaschanlage, schreibt über eine sehenswerte Ausstellung in der Bonner Kunsthallte mit dem Titel "Wir Kapitalisten": Über den Titel ließe sich, so Olaf Cless, streiten. Er will betonen, wie tief wir alle die Mechanismen dieses in Jahrhunderten entstandenen Wirtschafts- und Gesellschaftssytems verinnerlicht haben, so dass es einfacher erscheint, „sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“, wie der Kulturwissenschaftler Mark Fisher schrieb. Dass wir deshalb alle „Kapitalisten“ seien, ist freilich nicht mehr als eine saloppe Provokation. Ungeachtet dessen bietet die Ausstellung einen lehrreichen historischen Streifzug von den frühen Handelsherren der oberitalienischen Städte mit ihrer neuartigen Buchführung über die Herausbildung von Kapitalisten- und Arbeiterklasse in der Epoche der „ursprünglichen Akkumulation“ (Marx) und die systematische Steigerung von Effizienz und Warenausstoß etwa durch die Fließbandarbeit bis hin zu den aktuellen Auswüchsen von Wachstum, Verschwendung, Luxus und sozialer Ungleichheit.

Olaf Cless ist auch Mit-Autor eines Buches über den verstorbenen Schrifsteller Dieter Forte, der im Juni 85 Jahre geworden wäre. Das Buch ist gerade erschienen, Hans-Peter Heinrich stellt es vor: „Ich schwimme gegen den Strom“. In der Erinnerung an Dieter Forte. Ein Lesebuch. Hrsg. Karl Heinz Bonny. Mit Beiträgen von Ingrid Bachér, Karlheinz Braun, Olaf Cless, Klas Ewert Everwyn, Vera Forester, Nicola Gries-Sufner, Elke Heidenreich, Jürgen Hosemann, Martina Kuoni, Wolfgang Niehüser, Eva Pfister, Jens Prüss, Lothar Schröder, Enno Stahl, Dieter Süverkrüp und Dieter Forte.

Last not least stellt Eva Pfister die die französische Autorin Maryse Condé und ihr neues Buch vor. Die Schriftstellerin ist die Gewinnerin eines Literaturpreises, der nur einmal vergeben wurde. Im Jahr 2018, als die schwedische Nobel-Akademie sich wegen Sex- und Finanz-Skandalen auflöste, sammelte die private „Neue Akademie“ Spendengelder und vergab den „Alternativen Literaturnobelpreis“. Die Geehrte wurde 1937 auf der Karibikinsel Guadeloupe geboren als jüngstes von acht Kindern einer Familie, die zur neuen schwarzen Elite gehörte. Sie habe „einen wichtigen Beitrag zur Weltliteratur geleistet und in ihren Büchern respektvoll und präzise, aber auch mit Humor über die Verheerungen des Kolonialismus und die chaotische Zeit des Postkolonialismus geschrieben“, begründete die „Neue Akademie“ ihre Entscheidung.

Die neue fiftyfifty mit diesen und weiteren Beiträgen kostet 2,40 Euro, die Hälfte davon ist für unsere Verkäufer*innen bestimmt. Einem Menschen in Not helfen und gute Lektüre haben.

Bitte spenden Sie auch (asphalt e.V./fiftyfifty DE35 3601 0043 0539 6614 31)! Und: Bitte bleiben Sie und Ihre Lieben gesund.