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S o l i d a r i t ä t   i s t   w i c h t i g

Die August-Ausgabe des Straßenmagazins fiftyfifty enthält als Titelgeschichte ein Interview mit dem Gitarristen der Toten Hosen, Michael Breitkopf, genannt Breiti. Der Musiker, der fiftyfifty schon seit 196 immer wieder unterstützt hat, äußert sich zu politischen und sehr persönlichen Themen.

Zur sozialen Gerechtigkeit: “Es macht ja zum Beispiel keinen Sinn, dass der Gewinn aus vielen Kapitaleinkünften wenig oder gar nicht besteuert wird, während auf den Ertrag aus Arbeit, die einen Mehrwert schafft, volle Steuern anfallen. Und man wundert sich, dass der politische Wille demokratisch gewählter Politiker so gering ist, Steuergerechtigkeit zu gewährleisten, damit wirklich alle ihre Steuern bezahlen. Damit es eben zukünftig nicht mehr möglich ist, dass große Konzerne auf den Cayman-Inseln riesige Vermögen anhäufen, sondern Gewinne dort, wo sie anfallen, auch versteuert werden.”

Zur Flüchtlingsdebatte: “Zunächst einmal sollte klar sein, dass das Recht auf Asyl ein Grundrecht ist. Wer auf Grund von Krieg, Folter oder politischer Verfolgung seine Heimat verlassen muss, hat ein Recht auf Schutz in einem anderen Land, in dem er sicher ist. Leider wurde in Deutschland seit Beginn der 90er Jahre und auf Betreiben aller Bundesregierungen seitdem auch europaweit das Recht auf Asyl immer weiter ausgehöhlt, Kapazitäten für die Aufnahme von Flüchtlingen abgebaut und jede europäische Solidarität bei dem Thema zerstört. ... Flüchtlinge werden zu Sündenböcken für alles Mögliche gemacht, wofür sie nichts können, und in ewiger Gehirnwäsche als Riesengefahr für die Gesellschaft aufgebaut, was mit der Realität nichts zu tun hat. Das ist ein absolut gefährliches Verhalten! Und anstatt die Probleme zu lösen, die es tatsächlich gibt, weil 2015 in kurzer Zeit viele Menschen zu uns kamen, werden Probleme kreiert, für die dann ein sogenannter Asylkompromiss präsentiert wird, der sowohl geltendes deutsches als auch europäisches Recht bricht und gleich auch noch das Grundgesetz verletzt. Das ist katastrophal, genauso zerstört man den Rechtsstaat.”

Zur Fortuna: “In der ersten Liga wird auch kein Fußball vom anderen Stern gespielt und es könnte durchaus möglich sein, drei der anderen Clubs hinter sich zu lassen. Mein größter Wunsch ist es, dass Friedhelm Funkel dem Verein noch lange erhalten bleibt, weil er ein super Trainer mit einem tollen Charakter ist, der für eine Mannschaft mit einem guten Zusammenhalt steht. Da macht es Spaß, ins Stadion zu gehen, egal in welcher Liga.”

Zur Lust, weiter Musik zu machen: “Wir machen nichts lieber, als in dieser Band zu spielen und wir haben immer noch die nötige Energie dafür. Wenn sich daran mal etwas ändern sollte, wird es vielleicht Zeit, aufzuhören, aber jetzt ist der Zeitpunkt nicht absehbar. Man weiß ja sowieso nie, was kommen wird. Vielleicht fahren wir ja schon morgen alle zusammen mit dem Auto vor einen Baum, dann sind alle schönen Pläne hinfällig. Deshalb ist es ohnehin am besten, alles ein bisschen so zu nehmen, wie es kommt.”

Zum Tod und was danach kommen mag: “Inzwischen ist es so, dass ich, auch wenn ich der katholischen Kirche nicht mehr angehöre, ein tief sitzendes Gefühl habe, dass meine Existenz mit dem Tod nicht vorbei sein wird. Dass es eine Seele gibt, die in irgendeiner Form weiter besteht. Wie und warum – da habe ich keinen blassen Schimmer. Aber das Bewusstsein dafür, dass der Tod kein endgültiges Ende ist, das habe ich einfach. Ich muss danach nicht suchen und brauche auch keine Religion dafür. Es ist einfach ein gutes Gefühl.”

Auf der Titelseite eines jeden Heftes machen die Toten Hosen den fiftyfifty-LeserInnen ein besonderes Geschenk: Alle, die das aktuelle Heft kaufen, erhalten gratis einen Aufkleber der Band im Wert von 2 Euro.

Das neue Heft kostet dennoch nur 2,40 Euro, so viel, wie sonst auch. Die Hälfte des Verkaufspreise dürfen die wohnungslosen VerkäuferInnen zur Linderung ihrer Not für sich behalten. Die neue fiftyfifty erscheint in einer Auflage von 30.000 Exemplaren in Düsseldorf, Duisburg, Mönchengladbach, Krefeld, Essen, Bonn und Frankfurt/Main. Zuletzt wurden nur noch gut 20.000 Hefte abgesetzt. Um die sinkende Auflage zu stabilisieren, haben Breiti und die Toten Hosen fiftyfifty mit dem Interview und dem Aufkleber unterstützt. Außerdem werden unter allen KäuferInnen je 10 von der gesamten Band handsignierte T-Shirts und Doppel-CDs verlost.

 

Glosse des Monats

Brennend heißer Wüstensand

„Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier, als Wirtschaftsflüchtling, den kriegen wir nie wieder los.“ So hat Andreas Scheuer vor zwei Jahren gewarnt. Scheuer war damals Generalsekretär der CSU. Jetzt ist er Minister in der Bundesregierung. Ein ministrierender Bayer sozusagen. Wer Sätze wie den zitierten raushaut, kann es bei uns weit bringen. Den kriegen wir dann nie mehr los. Auch nicht, wenn er irgendwann aus der Politik ausscheidet. Dann macht er nämlich als Wirtschaftsflüchtling weiter: bei der Industrie.

Spätestens seit dem Scheitern unserer Nationalelf bei der Fußball-WM – „Der Untergang“ titelte der Express, „Deutschland am Boden“ – erscheinen fußballspielende kleine Senegalesen in einem anderen Licht. Statt zu versuchen, sie loszuwerden, sollte man sie vielleicht lieber tüchtig trainieren lassen. Womöglich schießen sie eines Tages für „Schland“ die ersehnten Tore.

Aber dass es so weit nicht kommt, dafür haben wir Horst Seehofer, den Innenminister, falls er nicht gerade wieder den Rücktritt erklärt. In seinem hochtrabend „Masterplan Migration“ genannten Abschottungs- und Abschiebe-Papier geht es nur am Rande um Integration. Denn nur mit einer knallharten Linie, so meint auch dieser ministrierende Bayer, habe die CSU bei den Landtagswahlen eine Chance. Je rechtspopulistischer die Christsozialen auftreten, so das seltsame Kalkül, desto wirksamer weisen sie den Rechtspopulismus der AfD in die Schranken.

Auch wenn in den vergangenen Wochen der Eindruck eines unerhörten Richtungsstreits zwischen Seehofer und Merkel entstanden ist: Ihr Dissenz betraf nur einen von 63 Punkten des „Masterplans“. Entsprechend eindimensional wird in den Medien das Thema Flucht und Migration behandelt. Trommelfeuerartig ist die Rede von Asylzentren, Transitzonen, Ankerzentren, Auffanglagern, Ausreisezentren, einem Zentrum zur Unterstützung der Rückführung usw. Es geht stets um Ausweisung, Abschiebung, Sammelabschiebung. Um Grenzregime, Grenzmanagement, Erwartungsmanagement. Erwartungs- hä? Ja, in Seehofers Plan heißt es zu den geplanten Lagern in Nordafrika und der Sahel-Zone: „Gewährleistung einer robusten Sicherung dieser Orte sowie Erwartungsmanagement hinsichtlich der Erfolgsaussichten einer Weiterreise nach Europa“.

Wenn allerdings die Kooperationsbereitschaft von Marokko, Ägypten & Co. weiterhin so mau bleibt, muss es Boris Becker richten. Der soll ja jetzt einen Diplomatenpass der Zentralafrikanischen Republik haben. Wir sagen nur: Robuste Tenniscamps für senegalesische Ministranten.

Olaf Cless

 

Intro des Monats

Liebe Leserinnen und Leser,

wir leben in einer schnellen und unübersichtlichen Zeit. Viele Menschen sind besorgt. Die Ereignisse überschlagen sich oft – neulich erst brach noch fast die Koalition und damit unsere Regierung auseinander, heute schon nehmen unsere PolitikerInnen wieder die „Ängste der besorgten Bürger“ ernst - und verschärfen erneut die Asylgesetze.

In der Tat gibt es viele Menschen, die besorgt sind. Wir von fiftyfifty sind es auch. Wir sind besorgt, weil die Zeiten für Menschen, die ein Straßenmagazin verkaufen (müssen), rauher geworden sind. Wir sind besorgt, weil die Gewalt gegen wohnungslose Menschen seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau ist. Wir sind besorgt, weil der Wunsch nach einer Null-Toleranz-Politik und mehr „Law-and-order“ immer lauter wird und in vielen Bundesländern Polizeigesetze verschärft werden. Wir sind besorgt, weil uns beinahe wöchentlich Fälle geschildert werden, dass unsere VerkäuferInnnen schlechte Erfahrungen mit MitarbeiterInnen von Ordnungsämtern machen. Deshalb ist der Eindruck, dass die „besorgten Menschen“ erst durch Pegida & Co. eine Stimme  bekommen hätten, falsch. Wir müssen uns viel mehr fragen lassen, wem wir zuhören (wollen).

Wohnungslose Menschen müssen sich notgedrungen den ganzen Tag – und manchmal auch die ganze Nacht – draußen aufhalten. Auch sie haben Ängste, Wünsche und Sorgen. Und sie haben das gleiche Recht, dass diese gehört und berücksichtigt werden. Vertreibung war schon immer die falsche Antwort auf die Frage nach dem richtigen Umgang mit armen Menschen. fiftyfifty erforscht diese Perspektive daher in Zusammenarbeit mit der Hochschule Düsseldorf, der Universität Wuppertal und dem Kulturzentrum zakk. Welche Vorstellungen haben Wohnungslose bei der Umgestaltung eines Platzes, auf dem sie sich vielleicht schon seit Jahren aufhalten? Wir können und wollen sie Fragen. Denn wir nehmen ihre Ängste und Wünsche ernst – auch sie gehören zur Gesellschaft dazu. Schließlich sind wir davon überzeugt, dass wir nicht durch härtere Gesetze oder mehr Präsenz von Ordnungsämtern mehr Sicherheit herstellen können, sondern dass wir durch respektvolles Verhalten auch und gerade gegenüber Randgruppen einen wichtigen Teil zum sozialen Frieden beitragen können.

Herzlichst, Ihre

Julia von Lindern, Dipl. Sozialpädagogin, fiftyfifty-Streetworkerin und Dozentin an der Hochschule Düsseldorf