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"Superstar" Leonardo und andere Highlights

Das Mai-Heft unseres Straßenmagazins fiftyfifty enthält wieder einmal viele interessante Beiträge. Das Heft kostet 2,40 Euro, die Hälfte vom Verkaufspreis dürfen die obdachlosen VerkäuferInnen zur Linderung ihrer Not für sich behalten. Doch es geht um mehr. Jeder Kontakt zu Menschen aus der bürgerlichen Mitte stabilisiert Benachteiligte in schwierigen Lebenslagen. Dabei ist Hilfe keine Einbahnstraße. Gespräche mit Menschen am Rande sind fast immer ein Plus für beide – die Obdachlosen UND die KundInnen.

Die Titelgeschichte des Mai-Heftes von Olaf Cless und Peter Heinrich befasst sich mit dem Renaissance-Künstler Leonardo da Vinci. Dieser war ein genialischer Außenseiter und seiner Zeit weit voraus. „Er glich einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch schliefen“, hat Sigmund Freund über ihn gesagt. Eine Annäherung an den uomo universale, der vor 500 Jahren starb.

Arno Gehring berichtet über die Otto-Pankok-Straße in Düsseldorf. Die einzige Straße in Deutschland, in der ausschließlich Sinti leben - eine (fast) normale Vorstadtsiedlung, so der Titel des Beitrages. Der Bahndamm nicht weit. Gepflegte Vorgärten, Jägerzäune. Und ein Gartenzwerg. Typisch deutsche Vorstadtsiedlung, möchte man meinen. Nur der Mann mit dem schmalen Schnäuzer, der seiner Gitarre so wunderbare Töne entlockt, der passt dann doch irgendwie nicht in das deutsche Vorgartenbild.

Martina Maler beschäftigt sich mit dem Thema "Gleiches Geld für gleiche Arbeit?". In Deutschland verdienen Frauen immer noch durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer. Auch ein Gesetz dagegen hilft bisher kaum.

Das sind nur einige der neuen Themen im neuen Heft. Wie immer: Kaufen lohnt sich.

 

Glosse des Monats

Im Frühstau zu Berge

Vielleicht haben Sie es auch gehört: Boris Becker ist neulich, irgendwo bei Pforzheim, mit dem Auto mitten durch den Wald gefahren. Ein Förster hat ihn angehalten. Becker erklärte, er müsse dringend einen Zug erreichen. Er wolle einen Stau auf der A8 umfahren. Dann räumte er ein paar Äste aus dem Weg und fuhr weiter. Ja, der Stau ist überall, auf den Autobahnen, in den Städten, bald auch im Wald. Und auf den Bürgersteigen und Radwegen. Denn jetzt kommen die E-Scooter, die coolen Tretroller mit Elektromotor. Ein neues Gesetz bahnt ihnen den Weg. Es muss diesen Monat nur noch durch den Bundesrat. Flitzer mit einer Höchstgeschwindigkeit von 12 km/h dürfen dann auf den Gehwegen fahren, bei maximal 20 km/h auf den Radwegen. Machen Sie sich also auf einiges gefasst. BMW City Scooter, Megawheels, City Blitz Professionals, Moover und wie sie alle heißen, werden Ihnen auf leisen Rädern in die Quere kommen und in die Hacken fahren. Darauf freuen sich die Hersteller, die Anbieter von Leihrollern, und Andreas Scheuer, unser – nun ja – Verkehrsminister, freut sich auch (wie schafft er es eigentlich dauernd in unsere Glossen?). Er preist die E-Scooter allen Ernstes als „echte Alternative zum Auto“. Eine solche Alternative gibt es aber schon seit über 100 Jahren und nennt sich Fahrrad. In jüngerer Zeit auch E-Bike. Noch älter ist die Alternative zum Auto, die man als „zu Fuß gehen“ bezeichnet. Diese Fortbewegungsart scheint relativ unbekannt zu sein. Sonst wäre bei uns nicht jede vierte Autofahrt kürzer als zwei Kilometer. Wenn jetzt diejenigen, die sie noch immer praktizieren, auf einen Roller umsteigen, um z. B. flotter zur nächsten Haltestelle zu gelangen, wird dadurch kein einziges Auto weniger in der Stadt unterwegs sein. Da wären ganz andere Maßnahmen nötig. Und nicht ein verschärfter Kampf von Gehern, Radlern und Rollern um ihren ohnehin zu knappen Raum. Da macht es sich der eingefleischte Verbrennungsmotorist doch lieber in seinem Stau gemütlich. Und träumt dort von der nächsten Scheinlösung des Verkehrsproblems: von Flugtaxis und ähnlichen Geräten im Bereich der Urban Air Mobility, in die Daimler, Uber, Airbus & Co. längst Milliarden investieren – noch so „eine Riesenchance für Kommunen, Unternehmen und Start-ups“, wie der Minister sagt, der hier schon wieder genannt werden will, aber wir sind ja nicht bescheuert.

Urban Air Mobility wäre natürlich auch für Boris Becker die Riesenchance gewesen neulich im Wald. Da hätte der Förster aber Augen gemacht. Olaf Cless

Intelligentes Einhorn

 

Intro des Monats

Liebe Leserinnen und Leser,

in vielen Städten unseres Landes nimmt die Anzahl der obdachlosen Menschen dramatisch zu. Umso mehr Probleme gibt es häufig vor Ort mit privaten oder kommunalen Sicherheitskräften – so auch in Düsseldorf. In unserer letzten Ausgabe haben wir davon berichtet, dass unser Streetworker Oliver Ongaro bezichtigt wurde, einer Beamtin den Arm umgedreht zu haben, während er eine brachiale Geldpfändung bei einem Klienten wegen einer Lappalie - Radfahren in einer Fußgängerzone - verhindern wollte. Als der Fall dann vor Gericht kam, wurde einer der drei beteiligten Bediensteten bei einer dreisten Lüge gegen unseren Streetworker ertappt, was die Wende in dem Fall brachte. Das Verfahren gegen unseren Streetworker, der die vorgeworfene Tat stets geleugnet hatte, wurde eingestellt - ein großer Erfolg.

Weil aber unsere Sozialarbeiterin Julia von Lindern und ich die Namen von zwei der drei an der Geldpfändung beteiligten Stadtsheriffs, die auch in anderen Fällen immer wieder unmenschlich gegen Obdachlose vorgehen, zu veröffentlichen gewagt haben, wurden wir angezeigt – die Sache wird wohl auch wieder vor Gericht gehen. In den digitalen Medien hat man uns vereinzelt vorgeworfen, wir würden die zwei Mitarbeiter, einen Mann und eine Frau, an den Pranger stellen. Doch davon kann überhaupt keine Rede sein. Vielmehr geht es darum, andere potenziell Betroffene vor ihnen zu warnen. Und es geht um Grundsätzliches. Warum dürfen wir nicht Bußgeldbescheide oder Quittungen über die skandalöse Pfändung von Bargeld, Handys oder gar eines Hundes mit der Signatur derer, die sie verhängt haben, veröffentlichen? Warum nicht die Namen derer nennen, die diese amtlichen Dokumente selbst unterschrieben haben und die von ihrem obersten Dienstherrn öffentlich sogar als rechtmäßig hingestellt wurden? Ob dies wirklich der Fall ist, muss dann leider erneut juristisch geklärt werden, da die Stadt nicht bereit ist, die Bescheide zurückzuziehen. Wie gesagt: Es geht um Grundsätzliches. Wenn ein Gericht die Preisgabe der Namen erlauben sollte, wäre dies ein Schutz für wehrlose Menschen ohne Beschwerdekompetenz. Denn dann müssten Ordnungskräfte in Zukunft stets damit rechnen, dass sie ihr Handeln gegen die Ärmsten der Armen nicht mehr im Geheimen vollziehen können.

Moralisch finde ich es sowieso mehr als fragwürdig, Obdachlose mit hohen Strafen zu belegen, nur weil sie arm sind – Menschen, die alles verloren haben, ihr Heim, ihre Familie, ihre Freunde, ihren Besitz. Ich finde es unanständig, Obdachlosen, die sich vor der Witterung unter einer angeblich illegal gespannten Plane in einem Park oder in einem Haltestellenhäuschen vor dem Regen schützen, fette Bußgelder aufzubrummen. Diese ethisch allemal zweifelhaften Praktiken müssen aufhören! Und es ist ein Tiefpunkt in den jahrelangen Auseinandersetzungen, dass diejenigen, die das fordern, also die Kollegin und ich, dafür angezeigt werden.

Herzliche Grüße, Ihr

Hubert Ostendorf, Gründer und Geschäftsführer von fiftyfifty