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70 Jahre Grundgesetz

In der neuen fiftyfifty, die ab sofort erhältlich ist, sagen Obdachlose ihre Meinung zum Thema “70 Jahre Grundgesetz” – interessante Ansichten und Einsichten aus einer abseitigen Lebensperspektive. Einige Auszüge:

Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

„Ordnungshüter verletzen die Würde Obdachloser“

Ich finde es würdelos, wie wir vom Ordnungsamt behandelt werden. Menschen, die nicht wohnungslos sind, werden so nicht behandelt. Ich erkenne das immer schon direkt am Tonfall. Wir werden oft aggressiv angesprochen und sehr oft verdächtigt irgendetwas Verbotenes getan zu haben. ... Von Schutz vor staatlichen Ordnungshüter kann uns gegenüber keine Rede sein. Sie schützen uns nicht. Im Gegenteil es gab zahlreiche Übergriffe. Mir wurde beispielsweise schon der Arm verdreht, nur weil ich meinen Vornamen während einer unnötigen Kontrolle nicht nennen wollte. Sind Obdachlose nicht auch Menschen?

Rüdiger, 41 Jahre

 

Artikel 2: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

„Notwohnungen oder gar keine machen krank“

Durch das Housing-First-Programm von fiftyfifty habe ich nun endlich eine menschenwürdige Wohnung in einem normalen, bürgerlichen Haus. Vorher habe ich immer wieder auf der Straße und in Bruchbuden dahinvegetiert. Schlechte Wohnverhältnisse machen krank. Ich selbst bin sogar sehr schwer krank. Wenn der Staat statt Notunterkünften normale Wohnungen für Obdachlose zur Verfügung stellen würde, und zwar ohne Vorbedingungen, würden nicht so viele Obdachlose krank und sogar sterben. ...

Detlev, 59 Jahre

 

Artikel 3 (1): Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

„Weil ich Pole bin, bekomme ich keine Sozialleistungen“

Ich lebe schon seit 20 Jahren in Deutschland und habe hier bis 2011 auch im Baugewerbe gearbeitet. 2012 wurde ich wohnungslos und bin es bis heute. Ich erhalte kein Geld vom deutschen Staat, weil ich polnischer Staatsangehöriger bin und meine Arbeit im Baugewerbe schon zu lange her ist. Es gibt keine Möglichkeit, irgendwelche Sozialleistungen zu beantragen. Ohne Geld kann ich auch keine Wohnung anmieten und bleibe somit auf der Straße. Ich schlafe in einem Abrisshaus ...

Daniel, 40 Jahre

 

Artikel 10: Das Briefgeheimnis ist unverletzlich.

Artikel 13: Die Wohnung ist unverletzlich.

„Ein Recht auf eine Wohnung gibt es nicht“

Die Wohnung ist unverletzlich, steht im Grundgesetz. Wenn man denn eine Wohnung hat. Ein Recht darauf gibt es ja im Grundgesetz nicht. Auch das Briefgeheimnis ist unverletzlich. Aber ohne eigene Adresse bekommt man ja keine Briefe – oder sie werden an eine Obdachloseneinrichtung geschickt. Wenn man sich mit dem Absender einer Obdachloseneinrichtung um eine Wohnung oder Arbeit bewirbt, ist ja von vornherein klar, dass man keinen Erfolg hat. ...

Chris, 28 Jahre

 

Außerdem andere interessante Themen: Ein Nachruf auf Dieter Forte, eine Kurzgeschichte von Wladimir Kaminer, alle wichtigen Argumente pro und contra Wohnkonzern-Enteignungen, eine kleine Kultutgeschichte des Esels ... und, und, und.

Das Heft erscheint in einer Auflage von 26.000 Exemplaren und kostet 2,40 Euro, wovon die obdachlosen Verkäufer*innen die Hälfte für sich behalten dürfen. fiftyfifty erscheint in diversen Städten des Rheinlandes und Ruhrgebietes dsowie mit einer kleinen Auflage auch in Frankfurt/Main.