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Im aktuellen Heft: Der Titel mit Texten zur Advents- und Weihnachtszeit. Zum Beispiel "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern" von Hans Christian Andersen (1805-1875). Oder:

Weihnachtsabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war´s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
“Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört’ ich, mühsam, wie es schien:
“Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlaß;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? - War´s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein,
Und schrie’ nach Brot, indessen ich entfloh.

Theodor Storm (1817-88)

Oder: Frost Von Vera Henkel

Als der Liebe Gott noch gelegentlich auf Erden wandelte, kam er eines Tages von einem Spaziergang so spät zurück, dass die Himmelpforte schon geschlossen war. Also klingelte er an der Tür eines Reichen und bat um Einlass. Da der Liebe Gott den ganzen Tag gewandert war, sah er ziemlich mitgenommen aus, und da er einmal gestolpert war, hatte seine Hose am Knie einen Riss.

Der Reiche, der gerade vor dem Fernseher saß und ein Glas Nougatcreme verspeiste, war nicht begeistert von der späten Störung, und als er die unordentliche Aufmachung seines Besuchers sah, schlug er die Haustür gleich wieder zu,

Da ging der Liebe Gott zu dem Armen, der gegenüber in einer Pappschachtel wohnte. „Was für eine Freude!“ sagte dieser, „mal Besuch!“ Und er rief seine Frau herbei, die sogleich Abfallgemüse kochte. Anschließend boten sie dem Gast ihre verwanzte Matratze an und beschlossen, selbst ohne Unterlage in der Gosse zu schlafen.

Am nächsten Morgen standen sie extra früh auf und bereiteten dem Wanderer einen Eintopf, damit er Kraft für die ersten Schritte habe. Der Liebe inkognitoe Gott hatte sich die ganze Nacht über ständig kratzen müssen und deshalb kaum ein Auge zugetan. Um so froher war er, als endlich der Morgen graute und ihm die Suppe vorgesetzt wurde.

„Ihr wack’ren Armen“, sprach er, den Blick tunlichst nicht in den Topf, sondern an den Wellpappfensterladen geheftet, „nennt mir zwei Wünsche, ich werde sie euch erfüllen!“

„Wir frieren so“, sagte da die arme Frau, „ich wünsche mir ein paar dicke, fellgefütterte Handschuhe.“ Schon ward ihr Wunsch erfüllt. „Und für meinen Mann auch welche“, sagte sie, „das ist ja sonst ungerecht.“

Da erfüllte ihr der Liebe Gott auch diesen Wunsch und zog seines Weges. Die Armen aber lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

... und, und, und.

Außerdem ein Artikel über die schmutzig-kriminellen Cum-Ex-Steuergeschäfte, ein Beitrag über den vor zehn Jahren gestorbenen Lyriker Peter Maiwald, eine Studie über das ganze Ausmaß der Wohnungslosigkeit, eine Untersuchung, woher der Weihnachtsmann den eigentlich kommt ... und Vieles mehr. fiftyfifty-Lesen lohnt sich. Und hilft.

 

Glosse des Monats

Deutsche Stiftung Schlaf

In Amerika gibt es jetzt kiloschwere Bettdecken für besseren Schlaf zu kaufen. Bis zu elf Kilo wiegen die Teile, sie können es also fast mit Grabplatten aufnehmen. Die American Sleep Association, ein von der einschlägigen Branche gesponserter Verband, verweist auf die hohe Zahl von US-Bürgern, die schlecht schlafen, und will ihnen das bleischwere und teure Bettzeug andienen. Wahlweise kann man sich auch mit Nebel einsprühen, der das Schlafhormon Melatonin enthält, oder sich ein Gerät ans Bett stellen, das wohlig monotones Rauschen von sich gibt. Solche Neuheiten auf dem Markt lassen natürlich auch die Deutsche Stiftung Schlaf – es gibt sie wirklich – hellwach werden. „Jeder zehnte Deutsche hat eine chronische Schlafstörung“, sagt ihr Vorsitzender, „und jeder dritte kennt gelegentliche Schlafstörungen.“ So weit, so beunruhigend. Aber bleierne Bettdecken brauchen wir in Deutschland trotzdem nicht. Wir haben ja schon eine bleierne Große Koalition. Und einen todmüden Heimatminister. Und eine Kanzlerin, die immer noch weitermacht, wenn auch bald nicht mehr als Parteichefin. Wir brauchen uns auch nicht mit einem Schlafhormon-Spray einzunebeln, denn uns nebelt auf den Straßen schon das Stickstoffdioxid ein, und damit es schön weiternebeln kann, will die Kanzlerin an den geltenden Grenzwerten drehen, sie sozusagen ihrer Überschreitung anpassen. Selbst das Gerät mit dem einschläfernden Rauschen können wir uns schenken – wozu gibt es denn ARD und ZDF, Bundespressekonferenz und Neujahrsansprachen, Florian Hirschhausen und Eckart von Silbernagel, von all den Glühweinständen in der Altstadt ganz abgesehen?

Horst Seehofer, so ist zu hören, steht zwischen München und Ingolstadt oft im Stau. Das heißt, er ist selbst Teil des Staus; mehr noch: personifiziertes Sinn- und Standbild einer Regierung, die im Stau steht. Klimaziele werden hinausgeschoben. Glyphosat geht in die Verlängerung. Ferkel dürfen weiter gequält werden. Deutschland bleibt ein gute Adresse für Geldwäsche. Und für die Steuertricks von Apple, Google, Facebook & Co. Sicher nur eine Frage der Zeit, wann auch wieder die Rüstungsexporte nach Saudiarabien fließen.

Neulich habe ich geträumt, ich läge unter so einer schweren amerikanischen Decke Marke Gravity, und dann fiel auch noch ein Blackrock oben drauf, ein schwarzer Felsklotz, irgendwann zwischen Dezember und Merz. Olaf Cless

Friedrich Merz vom Vermögensverwalter Blackrock empfiehlt eine Schlafbrille ganz in Schwarz. Foto: Leschi

 

Intro des Monats

Liebe Leserinnen und Leser,

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor einigen Wochen, es war kurz nach der hessischen Landtagswahl, im Lübecker Willy-Brandt-Haus eine Rede gehalten, in der er, Gustav Heinemann zitierend, sagte: „Überall müssen Autorität und Tradition sich die Frage nach ihrer Rechtfertigung gefallen lassen.“

In diesem Sinne hat unsere Redaktion eine bestimmte Tradition hinterfragt: Soll an dieser Stelle unserer Ausgabe, wie schon so oft, auch diesmal wieder ein offizielles Grußwort des Bundespräsidenten, in diesem Falle also Frank-Walter Steinmeiers, erscheinen? Ein Wort also des Zuspruchs für die Wohnungslosen, der Bestärkung der Spendenwilligkeit, ein Lob der Straßenzeitungen zum Jahresausklang? Wir sind zum Ergebnis gekommen – ungeachtet einiger respektabler Reden des Präsidenten in letzter Zeit –, darauf zu verzichten. Ein Verzicht, den man bei Gelegenheit auch wieder überdenken kann.

Was immer in dem amtlich abgewogenen Text gestanden hätte – eines hätten Sie, liebe Leserinnen und Leser, darin gewiss nicht erfahren: Dass nämlich Steinmeier, in seinen Jahren als Chef des Bundeskanzleramts und enger Vertrauter Gerhard Schröders, maßgeblich an der Ausarbeitung der Agenda 2010- und Hartz-Politik beteiligt war – also am fatalen Kurswechsel hin zur neoliberalen Deregulierung und zum Sozialstaatsabbau, an deren Folgen Gesellschaft und Politik bis heute leiden: Wachsende Ungleichheit, Ausbreitung prekärer Verhältnisse, Wohnungskrise, Entsolidarisierung, Rechtspopulismus. Und noch eine schwerwiegende Folge hat dieser jahrelange Kurs: Der SPD, Steinmeiers Partei, droht der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Siehe Bayern, siehe Hessen.

Daran kann niemand ein Interesse haben. Deshalb muss sich diese traditionsreiche Partei dringend neu finden. Wenn es ihr „nicht gelingt, mehr Projekte der Gleichheit durchzusetzen“, so hat es ein Mitglied formuliert, „wird sich die Partei überflüssig machen.“

Ihnen allen friedvolle Tage und Wochen, bleiben Sie uns treu,

Ihr

Olaf Cless, Kulturredakteur von fiftyfifty.


Nina Rudolf, studentische Mitarbeiterin im Team der Sozialberatung von fiftyfifty, Studentin Soziale Arbeit an der Hochschule Düsseldorf.