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Gerade ist sein neues Buch “Auf der Suche nach dem Wunderbaren – Poesie und Widerstand” im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Nun spricht Konstantin Wecker, den unser Autor Markus Bernhardt am Rande eines Konzertes gegen Rechts getroffen hat, freimütig im Straßenmagazin fiftyfifty. Der 1947 geborene Poet, Sänger, Autor, Schauspieler und Komponist engagiert sich seit Jahrzehnten für Zivilcourage, Pazifismus und Antifaschismus. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Erich-Fromm-Preis (2007), dem Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises (2013), dem Erich-Mühsam-Preis (2016), dem Deutschen Kleinkunstpreis – Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz (2017), dem Bayerischen Staatspreis für Musik – Sonderpreis (2017) und dem Göttinger Friedenspreis (2018). Wecker über Armut: „Was wir für Armut haben, wird oftmals nicht beachtet, obwohl es himmelschreiend ist.“ Und über Wohnungslose und andere: „Für mich sind Wohnungslose nicht die Asozialen, denn die Asozialen sitzen in den Vorständen der deutschen Banken!“ Und über Versager: „Was ist denn Schlimmes dabei, sich etwas zu versagen? Ich versage mir, Markenkleidung zu kaufen. Ich versage mir, andere zu bescheißen. Ich versage mir, andere über den Tisch zu ziehen. Ich bin gern ein Versager!“ Schließlich über Ausbeutende: „Ihre Würde haben viel eher die verloren, die sich an Finanzspekulationen beteiligen oder irgendwelche Chefs, die Menschen ausbeuten! Wen beutet denn ein Obdachloser aus? Wem schadet er denn?“

Außerdem in der neuen fiftyfifty: Ein absurder, lustiger Beitrag von Kabarettist Thomas Freitag über facebook. Kostprobe: „Überlegen’se ma, Facebook wäre ein Land. Das wäre der größte Staat der Welt. Wie würde das in der Realität wohl aussehen? Sie stehen morgens auf (…), da klingelt es an der Tür. Davor steht ein unbekannter Mensch und fragt, ob Sie sein Freund sein wollen. Sie waren vor 50 Jahren mit ihm auf der Schule und er hat Ihre Adresse gefunden. Sie fanden ihn schon immer ziemlich doof, wollen ihn aber nicht enttäuschen und sagen, dass Sie gerne sein Freund sind - und schließen die Tür. Da klingelt es wieder. Davor steht ihr Apotheker. Sie haben bei ihm vor zwei Wochen eine Hämorrhoiden-Creme gekauft. Er sagt, Sie sollen die Hämorrhoiden-Creme auf einer Skala von ein bis fünf bewerten und können sich danach mit der Hämorrhoiden-Creme anfreunden. Gut, Sie geben der Hämorrhoiden-Creme eine zwei, freunden sich mit ihr an und schließen die Tür. Aber nur kurz. Denn es klingelt gleich wieder.”

Und, sehr gelungen, ein Artikel von Carla Meurer, Grafik-Designerin und Fotografin und Gründerin des Vereins Mentor – Die Leselernhelfer Düsseldorf e.V.. Darin, über die Gründung: „Mein Mann Andi, Bassist bei den Toten Hosen, ist für eine sinnvolle Sache immer zu haben, und meine Schwester Eva Varol, die glücklicher Weise inzwischen ebenfalls in Düsseldorf zu Hause ist, war auch direkt mit von der Partie.” Und über das Konzept: „Studien belegen, dass der soziale Hintergrund einen viel größeren Einfluss auf die Lesekompetenz eines Schülers hat als etwa der Migrationshintergrund.” Weiter: „Ein Mentor ist nicht nur Lesevorbild, er lebt Werte wie Verlässlichkeit, Toleranz und Freundschaft vor. Er ermutigt, ist freundlich, geduldig und zugewandt. Mentor wirkt im Kleinen und dennoch ist die Wirkung groß.”

Die neue fiftyfifty kostet 2,40 Euro, die Hälfte davon dürfen die Wohnungslosen zur Linderung ihrer Not behalten. Die Zeitung erscheint übermorgen in Düsseldorf, Duisburg, Mönchengladbach, Wuppertal, Solingen, Krefeld, Bonn sowie Frankfurt/Main.

 

Glosse des Monats

Bianca, Miquela und Dorothea

Kennen Sie Bianca Heinicke? Das ist Deutschlands bekannteste Influencerin. Unter dem Titel „Bibis Beauty Palace“ posiert sie tagaus nachtein im Internet und lässt sich von Firmen dafür bezahlen, das sie deren Produkte zeigt. Macht für sie rund 20.000 Euro pro Foto oder Filmchen. Kennen Sie Lil Miquela? Auch nicht? Miquela ist ebenfalls Influencerin. Kommt aber aus Los Angeles. Auch sie postet täglich Neues aus ihrem Teenagerleben und macht dabei einträgliche Werbung. Sie hat zwar erst 1,3 Millionen Follower, aber das kann noch werden. Lil Miquela ist ein Avatar, es gibt sie quasi garnicht, sie ist nur ein Haufen künstlicher Intelligenz bzw. Dummheit, ursprünglich eine Sexpuppe, die man ein wenig umprogrammiert hat.

Was die Programmiererszene so alles drauf hat, das hat man ja auch auf der letzten Gamescom in Köln gesehen, der weltgrößten Computerspielemesse. „Eines der beliebtesten Spiele“, wusste die Süddeutsche Zeitung zu berichten, „ist beispielsweise Battlefield 5, ein Ballerspiel im Zweiten Weltkrieg, das anmutet wie eine spielbare Version von Ernst Jüngers ‚Stahlgewittern’. Auf der Messe dürfen sich Dutzende Besucher in einem wunderschönen, virtuell nachgebauten Rotterdam gegenseitig erschießen.“ Frohe Botschaft für alle Gamer: Battlefield 5 kommt im Oktober auf den deutschen Markt. Überhaupt gab es nur frohe Botschaften auf der Gamescom. Die Branche boomt, sie ist auf über 3,3 Milliarden Euro gewachsen, halb Deutschland zockt inzwischen, selbst Senioren sollen ganz verrückt danach sein. Da musste natürlich noch eine Botschafterin aus der Berliner Politik einfliegen und ihre gute Botschaft oben drauf setzen: Dorothea Bär, Staatsministerin für Digitales, stellte der Games-Industrie öffentliche Förderung in Aussicht. Das leuchtet ein: Was ohnehin wächst und wuchert wie blöd, da sollte der Staat unbedingt noch ein paar Millionen reinschmeißen. Wenigstens so lange, bis die deutschen Entwickler endlich mithalten und adäquat absahnen können auf dem Markt der Killerspiele à la Counter-Strike, Call of Duty, Dawn of War III undsoweiter.

Dorothea Bär pflegt seit Jahren innigen und ungeschützten Kontakt zur Game-Industrie und gibt sich selbst gern als Gamerin. Auch sie setzt sich auf Instagram unablässig als lustige Influencerin „Instalover“ in Szene. Kenner loben ihr wächsernes Gesicht auf den Fotos: Es beweist, dass sie digitale Finessen wie den faltenkillenden Beautyfilter beherrscht. Auf die naheliegendste Idee kommen sie freilich nicht: Dorothea Bär ist ein Avatar, die bayerische Antwort auf Lil Miquela.

Olaf Cless

Preisfrage: Wer von den dreien ist das? Foto: instagram

 

Intro des Monats

Liebe Leserinnen und Leser,

die Spaltung der bundesdeutschen Gesellschaft schreitet schnellen Schrittes voran. Vielerorts – und das keineswegs nur im Osten der Republik – kam es zu Aufmärschen von militanten Rechtsextremisten, die ihren Hass offen zur Schau stellten. In Chemnitz riefen extreme Rechte nicht nur zu Hetzjagden gegen vermeintliche Migranten, Flüchtlinge und Andersdenkende auf, sondern führten diese auch durch. Gewalt gegen sogenannte Minderheiten gehört mittlerweile wieder zum Alltag ins unserem Land. Das zeigt auch eine parlamentarische Anfrage, welche die Linksfraktion kürzlich an die Bundesregierung gerichtet hat. Die Mitte August veröffentlichte Antwort der Regierungskoalition belegt einmal mehr, dass auch wohnungslose Menschen immer wieder Opfer schwerer Gewalttaten werden. Bei Übergriffen auf sie spielen vor allem menschenverachtende oder rechtsextreme Motive eine zentrale Rolle. Das Tatmotiv ist häufig Sozialdarwinismus, dazu kommt die Überzeugung, dass Wohnungslose in der kruden Gedankenwelt der Rechten „unwertes Leben“ darstellen würden. Beim Bundesinnenministerium werden Straftaten gegen Obdachlose bislang trotzdem nicht statistisch erfasst. Dies, obwohl die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe allein für das letzte Jahr insgesamt 17 getötete Wohnungslose gezählt hat. Zwischen 1990 und 2018 starben Erhebungen zufolge sogar mindestens 505 Obdachlose durch gewalttätige Übergriffe.

Dass wir alle uns gegen solche brandgefährlichen Entwicklungen wehren können und müssen, zeigt das Interview mit Konstantin Wecker, das Sie in diesem Heft finden. Der Liedermacher, Poet und Schauspieler warnt darin vor zunehmendem Egoismus und einer sich immer weiter verbreitenden   neoliberalen Ideologie. Dagegen müsse man sich ebenso wehren, wie gegen die extreme Rechte, sagt Wecker. Fangen wir am besten gleich damit an!

Die Tatsache, dass Sie diese Zeitung gekauft haben, ist ein ermutigendes Zeichen. fiftyfifty engagiert sich schon seit 2002 explizit gegen rechte Gewalt, etwa mit dem Karikaturen-Buch und der Ausstellung „Deutschkunde“. Lesen dazu bitte den Beitrag auf der letzten (Umschlag-)Seite dieses Heftes.

Herzlich, Ihr Markus Bernhardt

 

Markus Bernhardt ist studierter Sozialarbeiter, arbeitet jedoch als freier Journalist für verschiedene Medien. Er hat für die Titel-Geschichte dieser Ausgabe Konstantin Wecker interviewt.