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Unser aktueller Titel:

„Wie der letzte Penner“

Promis, die früher obdachlos waren

Wenn nicht alles Gold ist was glänzt, dann ist bestimmt auch nicht alles Scheiße, was erst einmal ein wenig riecht … Sie sind Weltstars, Nobelpreisträger, Hollywood-Legenden, Ikonen für Generationen. Verehrt, vergöttert, bewundert. Und sie haben eins gemeinsam mit der Person, von der Sie eben die fiftyfifty-Zeitung gekauft haben. Sie waren alle mal obdachlos. Meilenweit entfernt von Glanz und Glamour. Von Arno Gehring

Seine fettigen Haare hatten offensichtlich lange keine Bürste gesehen. Dazu das Gestrüpp, das wild in seinem Gesicht wucherte. Und der fadenscheinige Mantel, in den er sich gehüllt hatte, um seinen Rausch auf einer Parkbank auszuschlafen. „Wie der letzte Penner“, dachten sich zwei eifrige Polizisten, als sie den Mann Ende der 80er Jahre in einem Park in Köln entdeckten. Klar war:  Der Typ muss jetzt aber mal sowas von kontrolliert werden! Umso überraschender, als der „Sieht aus wie ein Penner“ plötzlich 40.000 Mark aus der Tasche zieht. Und als sich ferner herausstellt, dass es sich bei dem Mann um A.R. Penck handelt, einen der berühmtesten Künstler seiner Zeit. Einer, der sich gerade mal einen Vorschuss für ein verkauftes Bild abgeholt und das ausgiebig gefeiert hatte.

Erst 00-Nichts, dann 007

Wie der letzte Penner! Sowas dachten wohl auch die Passanten über einen jungen Mann, der seine Nächte einst auf Bänken in Londoner Parks verbrachte. Was sie da noch nicht wissen konnten: dieser Mann wird einmal als weltberühmter Geheimagent im Auftrag ihrer Majestät unterwegs sein und in die Filmgeschichte eingehen.  Damals 0-0-Nichts, heute 007. Agent mit der Lizenz zum Töten. Daniel Craig heißt der englische Schauspieler und ehemalige Parkbank-Schläfer. Durch seine Rolle als „James Bond“ ist er vielfacher Millionär geworden.  Von Millionen Menschen weltweit vergöttert. „Ich habe furchtbare Dinge getan, um zu überleben, ich hatte kein Geld“, hat er einmal in einem Interview gesagt. Auf Parkbänken muss er heute wohl nicht mehr schlafen. Und wenn, dann mit Martini-Dry-Restfahne und in knitterfreien Maßanzügen von der Bond-Street. Der smarte Craig - nicht der einzige, der es vom obdachlosen, armen Menschen zum Weltstar gebracht hat.

US-Superstar Sylvester Stallone - wie man es hollywood-mäßig von ganz unten nach ganz oben schafft, hat er als Box-Legende „Rocky“ demonstriert. Ein Welterfolg. Aber eben nur ein Film. Sich im echten Leben durchboxen findet meist da statt, wo keine Kamera läuft. Beim jungen, damals völlig unbekannten Stallone, war das u. a. ein New Yorker Busbahnhof. Dort wohnte und schlief er, nachdem er obdachlos geworden war, weil er seine Miete nicht mehr zahlen konnte. Aus Geldmangel verkauft er sogar seinen Bullmastiff-Hund „Bitkus“, der mit ihm durch dick und dünn gegangen war. Etwas, was Obdachlose sonst eher wohl nicht tun. Ein filmreifes Happy-End für beide gab es dennoch. Als Stallone sein Drehbuch für Rocky I. endlich an Hollywood verkaufen konnte, holte er sich den Hund für 3.000 Dollar zurück. „Bitkus" wird sogar eine Art Filmstar, spielt in zwei Rocky-Filmen mit.

Für immer „The Tramp“

Charlie Chaplin, Gigant des Stummfilms. Hollywood-Ikone. Einer, der wie kaum ein anderer die Menschen zum Lachen gebracht und zu Tränen gerührt hat. Und einer, der eine Jugend verbracht hat, in der es nicht viel zu lachen gab. Sein Vater stirbt früh an Alkoholsucht, seine Mutter wird immer wieder in Nervenheilanstalten eingewiesen. Charlie landet mit seinem jüngeren Halbbruder Sydney in einem Waisenhaus, treibt sich dann lange mittellos auf Londons Straßen rum und schafft es doch zum berühmtesten Filmkomiker aller Zeiten. „The Tramp“ heißt seine Paraderolle. Ein sympathischer Verlierer, dem nie was bleibt. Außer seiner Würde. Im wahren Leben war das schon etwas mehr. Als Chaplin 1977 stirbt, hinterlässt er ein Vermögen von 100 Millionen Dollar.

Guck mal, Steve Jobs sammelt mal wieder Pfandflaschen …

Sagenhafte 8,3 Milliarden Dollar beträgt das Vermögen des US-Unternehmers Steve Jobs, als er im Jahre 2011 stirbt. Apple-Mitbegründer, Guru der Computer-Industrie. Keine Person, die man mit dem Begriff Armut oder Obdachlosigkeit in Verbindung bringen würde. Kaum vorstellbar ein Satz wie: „Guck mal, da ist der Steve Jobs, der sammelt mal wieder Pfandflaschen …“ Aber genau das musste er tun, um als junger Student überhaupt irgendwie an Geld zu kommen. Die Parkbank blieb ihm erspart. Er nächtigte immer wieder bei anderen Freunden auf dem Boden. Warmes Essen für umsonst gab es einmal in der Woche. Dazu lief er meilenweit quer durch die Stadt zu einem Hindu-Tempel. Auch wohl, weil er damals schon Vegetarier war.

Colonel Harland Sanders - dieser Mann war bestimmt kein Verfechter der fleischlosen Ernährung. Und ohne ihn wären Millionen Hühnchen nicht als paniertes Klein-Klein in Papptüten geendet. Aber immerhin: früher kaum was zu beißen, zuletzt über 20.000 Restaurants weltweit: Der „Colonel“ gründete 1952 Kentucky Fried Chicken, kurze KFC. Da war er schon 62 Jahre alt und zuvor den Großteil seines Lebens ohne Wohnung gewesen. Er schlief in einem Auto, klapperte tagsüber viele Jahre erfolglos Restaurants ab, denen er sein Chicken-Rezept verkaufen wollte. Noch heute ziert sein Konterfei jede KFC-Tüte.

Die Liste der ehemaligen „Penner“ - sie lässt sich fortsetzen. Auch in Düsseldorf. Ganz und gar nicht nobel lebte der spätere Nobelpreisträger für Literatur, Günter Grass, während seiner Jahre in der NRW-Landeshauptstadt. Mittellos wie sein (später ebenfalls) weltberühmter Freund, Nagelkünstler  Günther Uecker, schlief Kunststudent Grass aus Geldmangel in einem Heim der Armen-Brüder des Heiligen Franziskus in  Düsseldorf-Rath.  In New York verbrachte „Bond-Gespielin“ („Stirb an einem anderen Tag“) und Oscar-Preisträgerin Halle Berry Ende der 80iger Jahre ihre Nächte in einem Obdachlosenheim. Rock-Ikone Patti Smith schlief dort auf Straßen, in Parks und in der U-Bahn. Und auch ein bedeutender amerikanischer Politiker gehört dazu. Nein, nicht Donald Trump. Der wurde ja bekanntlich mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Es war Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA, der sich eine Zeit ohne Obdach durchs Leben schlagen musste. Wie der letzte Penner. Und mal ganz nebenbei: Hat eigentlich jemand die Hausnummer von Jesus?

 

Glosse des Monats

Karrenbauer und Heckenschützen

Fast wäre Friedrich Merz, der Mann aus der gehobenen Mittelschicht, neuer CDU-Generalsekretär geworden, und wer weiß, was noch alles. Die Stichwahl verlief knapp zugunsten seiner Konkurrentin Annegret Kamp-Karrenbauer, kurz AKK oder, Twitter-tauglich, @_A_K_K_. Der Riss ging mitten durch den Parteitag. So jedenfalls das Bild in der Öffentlichkeit, also das veröffentlichte Bild. Dabei gab es in Hamburg auch das: einen krachend einmütigen Beschluss der Delegierten, „nahezu einstimmig bei einigen Enthaltungen und ein, zwei Gegenstimmen“ angenommen, wie der Sitzungsleiter formulierte. Es solle, so das Votum quer durch alle Lager, geprüft werden, ob die Deutsche Umwelthilfe (DUH) „noch die Kriterien für die Gemeinnützigkeit erfüllt“. Die DUH, das ist der Verein, der das Dosenpfand und den Rußpartikelfilter mit erkämpft hat, der an der Aufdeckung der VW-Dieselbetrugsaffäre beteiligt war und derzeit vor Dutzenden deutscher Gerichte die Einhaltung geltender Grenzwerte für die Luftqualität einklagt, hartnäckig und mit großem Erfolg.

Als wäre ihnen der Name Karrenbauer, wörtlich genommen, ein Befehl zum Schulterschluss mit den deutschen Autoherstellern (den Hauptverursachern von Dieselkrise, Verkehrskollaps, Stickoxidverpestung und Fahrverboten), reagierten sich die versammelten christdemokratischen Motorfans mit dieser unsauberen und selbstentlarvenden Attacke auf die DUH ab. Ob ein Verein gemeinnützig ist und entsprechende Steuervorteile genießt oder nicht, entscheiden immer noch die Finanzverwaltung oder nötigenfalls die Gerichte – „eine Gesinnungsprüfung durch Parteien oder die Regierung gehört nicht dazu“, stellte die Süddeutsche Zeitung klar. Gemeinnützig ist nach geltendem Recht eine Körperschaft, „wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern“. Dazu gehört, wie der Bundesfinanzhof (BFH) schon vor Jahrzehnten entschieden hat, auch das Engagement für die Umwelt.

Es gehört aber auch erstaunlich viel Anderes dazu. Zum Beispiel wenn ich als Schütze mit einer Wumme durchs Gelände renne und in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Ziele treffe. Das nennt sich IPSC-Schießen, wird mit wachsender Begeisterung im Bund Deutscher Sportschützen 1975 e.V. betrieben und ist als gemeinnützig anerkannt, wie der BFH kürzlich geurteilt hat. Jürgen Resch und seine DUH müssten ihrem Verein also nur eine etwas andere Ausrichtung geben, schon wäre die CDU, von AKK bis FM und JS, mit ihnen zufrieden. Olaf Cless

Gemeinnütziger Schütze. Foto: wikipedia

 

Intro des Monats

Liebe Lesende,

in diesen Märztagen steht der Internationale Frauentag (kein feministischer Muttertag!) erneut im Fokus. Abschaffen, heißt es in rechtsextremen Kreisen, „den Tag fand ich immer schon furchtbar“, erklärte Frauke Petry, dafür haben wir „wenig Sympathie“ beteuerte der Berliner AFD-Abgeordnete Martin Trefzer. Kein Wunder, geht es doch auch um das Selbstbestimmungsrecht der Frau.

In Berlin ist der 8.März jetzt gesetzlicher Feiertag, wie übrigens in fast 30 Ländern der Welt, in anderen Städten Streik- und Aktionstag. Und: Von New York bis Moskau, von Hanoi bis Buenos Aires, von Neu-Delhi bis Teheran, von Bamako bis Melbourne – ist er ein Tag gegen Kriege, Gewalt und Armut, für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Fest steht, ohne diesen Tag und ohne das beharrliche Eintreten von Generationen von Frauen hätte es keine Jubelfeier „100 Jahre Frauenwahlrecht“ gegeben. Trotz Behinderungen und Verboten, die vielen Aktionen und Demonstrationen des 20. Jahrhunderts haben gewirkt. Die politische Mündigkeit der Frau musste anerkannt werden. Mit dieser Gleichstellung hat sich aber längst nicht alles erledigt. Frauenbewegung passé? Von wegen!

Deutschland ist nämlich kein Weltmeister in Sache Gleichstellung. Beispiel Politik: Da stagniert es bei der Repräsentanz von Frauen. Der Frauenanteil im Bundestag stellt mit 30,7 % die niedrigste Quote seit 20 Jahren dar, bei Oberbürgermeistern erreicht er gerade 8,2%. Beispiel Lohndiskriminierung: Nach dem Globalen Gender Gap Report 2018 des Weltwirtschaftsforums ist Deutschland von Platz fünf auf Rang 14 abgerutscht. Kinderbetreuung? Mangelhaft! Frauenrenten? Ungenügend! In den letzten Jahren sind Armut, Ausgrenzung und Obdachlosigkeit von Frauen weiter gestiegen. Sexuelle und körperliche Gewalt gegen Frauen ebenfalls.

Es geht also um mehr als Quoten in Aufsichtsräten und in Führungspositionen, um mehr, als ein bisschen Beteiligung von Männern an Haushalt und Sorgearbeit. Es geht um soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Würde, um das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Und nicht vergessen: Es geht um Solidarität. Sie ist das beste Mittel gegen Machtgier und Repressionspolitik. Sie bedeutet Zusammenhalt und Verbundenheit, Gefühl und ein Handeln, das Mut und Kraft gibt.

In diesen Märztagen werden Frauen in vielen Städten nicht zur Arbeit, zur Schule, Berufsschule oder Hochschule gehen. Sie werden die Hausarbeit liegen lassen, sich versammeln, austauschen, und für eine bessere Welt streiten. Und das ist gut so.

Solidarische Grüße

 

Florence Hervé ist Autorin, freie Journalistin und Dozentin, seit 50 Jahren in der Frauenbewegung engagiert.