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Hubert Ostendorf erhält den Nikolaus Groß-Preis aus der Hand des Enkels Thomas Groß.

Nikolaus Groß-Preis für Hubert Ostendorf

fiftyfifty-Mitgründer Hubert Ostendorf hat von der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) den Nikolaus Groß-Preis erhalten. Er wurde damit für sein Engagement zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit geehrt. Nikolaus Groß war ein deutscher christlicher Gewerkschafter, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und NS-Opfer. Der Familienvater (7 Kinder) wurde durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Am 7. Oktober 2001 wurde Nikolaus Groß von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Hubert Ostendorf bedankte sich für die Auszeichnung und sagte: „Die Schuhe eines seligen Martyrers sind viel zu groß für unser bescheidenes Projekt fiftyfifty und wenn überhaupt, dann steht der Preis dem ganzen Team zu.“

https://www.ddorf-aktuell.de/2026/01/26/kab-duesseldorf-verleiht-zum-dritten-mal-den-nikolaus-gross-preis/

 

Laudatio von Diakon und Diözesan-Präses der KAB, Michael Inden

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Engagierte, liebe Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft,
es gibt Momente, in denen Preise mehr sind als Auszeichnungen. Momente, in denen sie zu einer Frage werden. Zu einer Frage an uns alle.
Der Preis, der heute verliehen wird, trägt den Namen Nikolaus Groß. Und damit trägt er eine Verpflichtung in sich.
Nikolaus Groß war kein Held aus sicherer Entfernung. Er war kein Mahner im Nachhinein. Er war ein Mensch, der gehandelt hat, als Handeln riskant war. Ein Journalist, ein Gewerkschafter, ein Christ – vor allem aber ein Bürger, der Verantwortung übernommen hat, als der Preis dafür Freiheit, Sicherheit und schließlich das eigene Leben war.
Nikolaus Groß steht für eine Zivilgesellschaft, die nicht auf Erlaubnis wartet. Die nicht schweigt, wenn Unrecht geschieht. Und die weiß: Demokratie lebt nicht von Institutionen allein – sie lebt von Menschen, die Haltung zeigen.
Der Mensch, den wir heute ehren, steht in genau dieser Tradition. Nicht historisch, sondern hochaktuell. Nicht symbolisch, sondern konkret.
Denn auch heute gibt es ein Unrecht, das wir zu oft hinnehmen. Nicht spektakulär, nicht plötzlich – sondern alltäglich, sichtbar und doch verdrängt: Armut. Ausgrenzung. Obdachlosigkeit.
Der Geehrte hat früh verstanden: Zivilgesellschaft beginnt dort, wo man sich nicht damit abfindet, dass Menschen im Wohlstandsgesellschaft unsichtbar werden.
Sinngemäß könnte ein Satz von ihm lauten: „Eine Gesellschaft zeigt ihr wahres Gesicht nicht im Glanz, sondern im Schatten.“
Er hat sich entschieden, genau dorthin zu gehen. In diese Schattenräume unserer Städte. Nicht als Beobachter, sondern als Teil einer solidarischen Öffentlichkeit.
Denn Zivilgesellschaft – das ist kein abstrakter Begriff. Sie entsteht, wenn jemand hinsieht, wo andere wegschauen. Wenn jemand widerspricht, wo Schweigen bequemer wäre.
Wie Nikolaus Groß wusste auch er: Neutralität schützt nur die Verhältnisse – nicht die Menschen.
Er hat Armut nicht verwaltet, sondern politisiert. Nicht, um zu polarisieren, sondern um Verantwortung einzufordern.
„Armut ist kein Schicksal“, so lässt sich seine Haltung zusammenfassen, „sie ist das Ergebnis von Entscheidungen – und damit veränderbar.“
Diese Überzeugung hat seine Arbeit geprägt. Mit klaren Worten. Mit unbequemen Bildern. Mit Aktionen, die provoziert haben – weil sie provozieren mussten.
Denn Zivilgesellschaft darf nicht nett sein, wenn Nettigkeit Ungerechtigkeit stabilisiert.
Er hat Leerstand benannt, während Menschen auf der Straße schlafen. Er hat Überfluss gezeigt, während andere nichts besitzen. Und er hat deutlich gemacht: Das ist kein Naturgesetz. Das ist politisch gewollt – oder zumindest politisch geduldet.
Nikolaus Groß war Journalist. Er glaubte an die Macht des Wortes. Der Mensch, den wir heute ehren, glaubt an die Macht der Öffentlichkeit.
„Wer keine Stimme hat, braucht Verbündete“, könnte einer seiner Leitsätze sein. Und genau das ist Zivilgesellschaft: Verbündet sein. Nicht stellvertretend sprechen, sondern Räume öffnen, in denen Menschen selbst sprechen können.
Er hat obdachlose Menschen nicht zu Objekten von Hilfe gemacht, sondern zu Subjekten von Rechten. Er hat ihnen Sichtbarkeit gegeben – nicht aus Mitleid, sondern aus Respekt.
Und darin liegt eine tiefe Verbindung zu Nikolaus Groß: Beide wussten, dass Würde nicht verliehen wird. Sie ist da – oder sie wird verletzt.
Zivilgesellschaft heißt, diese Würde zu verteidigen, auch wenn es unbequem wird. Auch wenn es Gegenwind gibt. Auch wenn man dafür angegriffen wird.
Und Gegenwind gab es. Der Vorwurf, zu laut zu sein. Zu politisch. Zu radikal.
Doch was heißt radikal? Radikal heißt, an die Wurzel zu gehen.
„Wer wirklich helfen will, muss die Ursachen benennen“, das könnte ein weiterer Satz von ihm sein. Und genau das hat er getan – beharrlich, streitbar, über Jahrzehnte.
In einer Zeit, in der Engagement oft projektförmig gedacht wird, war seines langfristig. In einer Zeit, in der Empörung schnell verpufft, war seines ausdauernd.
Das ist vielleicht seine größte Leistung für die Zivilgesellschaft: Er hat gezeigt, dass Haltung kein Event ist. Dass Solidarität keine Kampagne ist. Dass Demokratie tägliche Arbeit bedeutet.
Nikolaus Groß hat Widerstand geleistet, weil er wusste: Ein Schweigen aus Angst zerstört die Gesellschaft von innen.
Der Mensch, den wir heute ehren, leistet Widerstand gegen Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit ist vielleicht die gefährlichste Bedrohung unserer Zeit.
„Das Gefährliche an Armut ist nicht nur der Mangel“, könnte er sagen, „sondern das Wegsehen der anderen.“
Heute, wo soziale Spaltung wächst, wo der Ton rauer wird, wo Solidarität wieder in Frage gestellt wird, braucht unsere Zivilgesellschaft solche Stimmen.
Stimmen, die erinnern: Demokratie endet nicht an der Wohnungstür. Menschenrechte sind nicht einkommensabhängig. Und Menschlichkeit ist nicht verhandelbar.
Der Nikolaus-Groß-Preis ehrt Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne auf Applaus zu warten.
Heute ehren wir einen Menschen, der genau das getan hat – jahrzehntelang, konsequent, mit offenem Visier.
Und deshalb ist es folgerichtig, dass ein Preis, der den Namen Nikolaus Groß trägt, heute an jemanden geht, der dessen Haltung in unsere Zeit übersetzt hat.
Sein Name ist: Hubert Ostendorf von fiftyfifty.

 

„Sich hinstellen gegen die Angst und die Angstmacher“ – Ein (möglicher) Brief von Nikolaus Groß aus dem Jahr 2026

Von dem Bundespräses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), dem Priester Stefan-Bernhard Eirich

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Frauen und Männer in der KAB,
alljährlich denkt ihr am Tag meiner Hinrichtung in besonderer Weise an mich. Dafür bin ich euch sehr dankbar, denn dies zeigt mir, dass die Botschaft meines gewaltsamen Todes auch noch nach mehr als 80 Jahren begriffen wird und auch vor eurem kritischen Zeitgeist Bestand hat. Im Grunde ist meine Message, wie ihr das zu sagen pflegt, noch immer die gleiche, die auch der Paderborner Präses Schulte am Abend vor meiner Verhaftung zu hören bekam: Bernhard Letterhaus, Otto Müller und ich haben unser Leben eingesetzt, um »vor Gott und unserem Volk bestehen zu können«. Weil sich die Zustände in eurer Welt und Gesellschaft seit Monaten dramatisch zuspitzen, habe ich mich dazu entschieden, euch in diesem Jahr persönlich zu schreiben. Dies geschieht ganz im Sinne des Apostels Paulus, demzufolge ja unser ganzes Leben ein Brief ist. Oder, wie es bei euch üblich ist, eine lange E-Mail oder eine nicht enden wollende Abfolge von persönlichen Nachrichten in einem eurer Messengerdienste.
Liebe Schwestern und Brüder, das mir geschenkte ewige Leben ist kein gefühlloser Zustand, sondern die Vollendung irdischer Empathie und Liebe. Daher berührt mich die Angst, die bei euch immer mehr das alltägliche Leben beherrscht, zutiefst. Ich weiß, wovon ich spreche, wenn es z.B. um die Angst vor drohenden politischen Entwicklungen geht. Ich und meine Kollegen von der Westdeutschen Arbeiterzeitung haben vor knapp hundert Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass die Angst vor Hitler, seinen Schergen und Speichelleckern und ihrer menschenverachtenden Ideologie absolut berechtigt ist. Wir hatten dann selber große Angst, als er tatsächlich nach der Macht gegriffen hat, denn schnell begann damit eine Zeit, in der fast jeder Tag eine neue fürchterliche Meldung von den Taten und Plänen des Herrn Hitler mit sich gebracht hat: die Verfolgungen nach dem Brand des Reichstags, die Rassengesetze, die massive Aufrüstung und schließlich die kriegslüsterne Infragestellung sämtlicher Grenzen zu unseren Nachbarländern. Auch unsere Kirche hatte Angst, schließlich wollte sie es sich mit dem neuen Regime nicht verderben. Ich persönlich habe am Ende die schlimmsten Ängste um meine Familie ausgestanden, denn ich wusste nicht, was mit ihnen nach meiner Verhaftung geschehen würde. Auch deshalb sind mir bei der Urteilsverkündung durch Freisler die Tränen gekommen.
Eure Ängste sind in mancherlei Hinsicht den meinen ähnlich. Auch ihr lebt in einer Zeit eskalierender innenpolitischer Konflikte und außenpolitischer Gewalttätigkeit. Da gibt es nicht nur den äußerst brutalen russischen Krieg gegen die Ukraine und die permanente Gefahr eines Überspringens auf das Gebiet eures Militärbündnisses, sondern auch die Bedrohung, die von den wilden Gebietsansprüchen des amerikanischen Präsidenten ausgeht. Was droht da unserem geliebten Europa? Wird es erdrückt zwischen zwei Cäsaren wie Putin und Trump? Auf welchen Wert beruht der Widerstand unseres weithin säkularisierten Landes, dessen Katholiken und Katholikinnen nicht mehr so recht ihrer Glaubensorientierung trauen und sich vielerorts mit einer nicht gerade hilfreichen Kirchenleitung abplagen müssen. Ich sehe aber auch eure Angst vor den wirtschaftlichen Verwerfungen, vor dem Absturz eures Landes in die ökonomische Bedeutungslosigkeit, den bröckelnden Wohlstand allerorten, den obszönen Reichtum einiger weniger und die schnell wachsende Armutsgefährdung von immer mehr Menschen in Deutschland. Da ist es verständlich, wenn die Abstiegsangst den Alltag vieler eurer Zeitgenossen prägt. Niemand will ins soziale Nichts abrutschen. 
Merkt ihr aber, wie diese Ängste euch und euer Zusammenleben mit der Zeit verändern? Ich nehme wahr, dass viele Menschen das, was da tagtäglich an unfassbaren Nachrichten auf sie eindringt, nicht mehr ertragen wollen oder können. Sie schotten sich ab und ziehen sich in ihre scheinbar heile Privatwelt zurück. Andere verdrängen ihre Ängste mit der Flucht in mediale Paralleluniversen. Ich erlebe bei euch aber auch eine von Angst bestimmte, alltägliche Aggressivität im Ton und im Umgang miteinander. Als fürchterlich muss ich die in eurem Land grassierende Bereitschaft bezeichnen, x-beliebige Menschen für eure diffusen und konkreten Ängste verantwortlich zu machen. An die düsteren Zeiten vor hundert Jahren erinnert mich die parteipolitische Versuchung, für ein bisschen Popularitätsgewinn es mit der Menschlichkeit nicht mehr ganz so genau zu nehmen. Ihr wisst genauso wie ich: Angst engt ein. Angst lähmt und zersetzt am Ende die Selbstbestimmung. Dann gewinnen die die Oberhand, die sagen, „Hauptsache es passiert einmal etwas, koste es was es wolle und der Weg ist frei für die (ach so) ‚starken Männer‘“. Damit wäre aber alles, wofür meine Gefährten und ich in den Tod gegangen sind, hinfällig. Als ich mit Graf von Moltke, Alfred Delp und Eugen Gerstenmaier auf die Hinrichtung wartete, hatte ich die Gewissheit, dass wir inmitten von Angst und Verzweiflung ein Biotop der Hoffnung bildeten. Unsere Zellen waren keine Todeszellen, sondern die Keimzellen einer neuen, von Menschlichkeit und Gottesfurcht geprägten Zeit.
Liebe Schwestern und Brüder, auch Christinnen und Christen haben Angst, aber die Angst kann und sollte in Leben glaubender Menschen niemals das letzte Wort haben. Das nämlich hat Gott. Er ist kein Dealmaker, sondern der einzige souveräne Gestalter, derjenige, der allein die Bezeichnung „Macher“ verdient. Und das, was er „macht“ geschieht aus Barmherzigkeit und Großmut: Leben, Freiheit und – ganz aktuell! – Hoffnung. Alle andern sind keine Macher, sie sind Empfangende. Dies gilt ganz besonders für die selbsternannten Herren eurer Welt. Ich habe das gottlob schon in jungen Jahren langsam begriffen und so habe ich ein Leben lang gelernt, mit den großen und den nur scheinbar großen Angstmachern meiner Zeit zurecht zu kommen. Auch sie hatten und haben Angst vor dem großen Tod am Ende unseres Lebens und vor seinen Boten, den Verlusten und Abbrüchen zu unseren Lebzeiten. Genauso wie sie haben wir Christen viel und schlimmstenfalls alles zu verlieren. Aber gleichzeitig sind wir schon in diesem Leben die Gewinnerinnen und Gewinner, denn auch der Tod ist nicht allmächtig. Menschen wie die anglikanische Bischöfin der amerikanischen Hauptstadt strahlen diese Gewissheit aus. Erinnert ihr euch denn noch an sie, an Mariann Edgar Budde? Vor gut einem Jahr hatte sich Präsident Trump anlässlich seiner Wahl als der Auserwählte Gottes inszeniert. Das griff sie auf und hielt ihm im Gottesdienst zu seiner Amtseinführung bei der Predigt eine Standpauke, weil er unter anderem ein gnadenloses Vorgehen gegen Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere angekündigt hatte: „Im Namen Gottes bitte ich Sie, haben Sie Erbarmen mit den Menschen in unserem Land, die jetzt Angst haben. Die große Mehrheit der Einwanderer sind keine Kriminellen“, mahnte die Bischöfin. „Sie zahlen Steuern und sind gute Nachbarn.“
Ihr furchtloses Auftreten passt gut zu dem, was mir meine Eltern mitgegeben haben und zu dem, was ich am Ende dieses Briefes unbedingt noch sagen will: Als Christinnen und Christen kommt es darauf an, auch in angstvollen Zeiten Haltung zu bewahren. Auch wenn es uns manchmal anders vorkommt, - es wird uns nicht zu viel zugemutet. Deshalb: Wenn wir Christinnen und Christen sein wollen, gehen bestimmte gesellschaftliche und politische Zustände nicht. Wir können diese nicht einfach mitmachen, sondern müssen innerlich und auch in allen möglichen Formen des Äußerlichen dagegenhalten und Stand halten. "Sich hinstellen" war ein wichtiges Wort meiner Eltern. Sich hinstellen und hinstehen für den Kern der Menschenwürde, die aus dem Evangelium kommt. Sich hinstellen und hinstehen für das Leben, weil Gottes es mit uns lebt!
Euer Nikolaus Groß