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In der April-Ausgabe von fiftyfifty beschäftigt sich der Titel mit einer ungewöhnlichen Foto-Aktion, bei der Wohnungslose als Erfolgstypen fotografiert werden. Ungewöhnliche Ein- und Ansichten. Und eine Multimedia-Ausstellung in der Maxkirche vom 10. April (Eröffnung 11 Uhr) bis 4. Mai. (mehr Infos hier: http://www.fiftyfifty-galerie.de/aktuell/3263/wohnungslose-anders-fotografiert-ausstellung-in-der-johanneskirche-vernissage-10-4-11-uhr)

Außerdem: Im Jahr 1943 schrieb sich die jüdische Publizistin Hannah Arendt in einem eindringlichen Essay* ihre „Erfahrungen und Gedanken“ nach der Flucht vor den Nazis in die USA von der Seele. Der Aufsatz wurde bezeichnender Weise erst 1986 aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und entfaltet gerade heute eine ganz neue Brisanz. Hubert Ostendorf hat das Büchlein unter dem Aspekt, wie sich Geflüchtete in unserer Zeit fühlen mögen, neu gelesen.

Und: Kryonik, von griechisch „kryos“ für „Kälte, Frost“, heißt die noch junge Technik zum Konservieren eines Menschen nach seinem Ableben durch Einfrieren, getragen von der Hoffnung, in der Zukunft reanimiert zu werden. In festem Vertrauen an ein Leben nach der Kälte lagern weltweit derzeit die sterblichen Überreste von ca. 350 Menschen tiefgekühlt in riesigen Thermosbehältern. Tausende stehen auf den Wartelisten der Anbieter in den USA und in Russland.

Und weiter: Seit über 30 Jahren ist Richard Brox als „Berber“ auf Deutschlands Straßen unterwegs. Bekannt wurde er durch sein Engagement für andere Obdachlose mit seinem Blog ohnewohnung-wasnun.blogspot.de, auf dem er Tipps für Betroffene gibt, soziale Anlaufstellen vieler Städten bewertet und sich für bessere Lebensbedingungen Obdachloser einsetzt. Ende 2017 veröffentlichte er seine Biographie, die sofort zum Bestseller wurde - Titel: Kein Dach über dem Leben

Schließlich: Die Bundesregierung steht unter EU-Druck wegen hoher Abgas- und Feinstaubwerte in den Städten. In ihrer Not will sie nun sogar den kostenlosen Nahverkehr fördern. Ein Aprilscherz oder doch mehr?

Last not least: Ahmet und Mehmet Altan sind Brüder. Der eine ist Schriftsteller, der andere Wirtschaftsprofessor. Beide sitzen in einem türkischen Gefängnis. Erdogans Justiz will sie lebenslänglich festhalten.

Die neue fiftyfifty gibt es bei Wohnungslosen in Düsseldorf, Duisburg, Mönchengladbach, Krefeld, Essen, Bonn und Frankfurt/Main zum Preis von 2,40 Euro – die Hälfte davon dürfen die VerkäuferInnen zur Linderung ihrer individuellen Nöte für dich behalten.

 

Glosse des Monats

Whiskey, Jeans und Erdnussbutter

Die Lage war, wie immer, noch nie so ernst. Donald Trump kündigt Einfuhrzölle für Stahl und Aluminium an. Und die EU holt zum ganz großen Gegenschlag aus: Whiskey, Jeans und Erdnussbutter aus den USA will sie mit Strafzöllen belegen. Auch Orangensaft und Harley-Davidson-Motorräder sind im Gespräch, Jean-Claude Juncker hat es selbst gesagt. Stehen wir also vor einem Handelskrieg? Einem, der irgendwann nicht mal vor Mickey Maus und Kellog’s Corn Flakes Halt machen wird?

Jeans, Whiskey (Sie gestatten bitte die amerikanische Schreibweise) und Erdnussbutter allein wären schon schlimm genug. Ehrlich gesagt, wir von der fiftyfifty-Redaktion waren geschockt, als die Nachricht kam. Wir rutschen ja bei unserer Arbeit alle ganz schön auf dem Hosenboden herum. Der Verschleiß ist groß. Werden wir uns neue, teurere Jeans noch leisten können? Ganz ohne den süffigen amerikanischen Whiskey kommen wir beim inspirierten Füllen der Seiten ebenfalls nicht aus. Aufmerksame Leser merken das an der einen oder anderen Glosse, dem einen oder anderen Schreibfehler. Dafür, dass der Whiskey eine solide Grundlage im Magen hat, bedarf es wiederum der Erdnussbutter. Immer wenn der Vorrat zur Neige geht, düst einer von uns mit der Harley Davidson zum Supermarkt. Und kommt, besonders wenn er hungrig losgefahren ist, womöglich noch mit der neuen Mickey Maus, einer Großpackung Corn Flakes und warum nicht auch einem Orangensaft zurück.

Sie verstehen also, warum uns der drohende Handelskrieg beunruhigt. Und dann ist ja auch noch die Frage, wie wir unsere heimische Stahl- und Aluminium-Industrie, deren US-Geschäft einbricht, auffangen können. Da wird es nicht damit getan sein, wieder zu aluminiumhaltigen Körperpflegeprodukten zurückzukehren oder eine hübsche Edelstahlkugel in den Vorgarten zu legen. Ein stylischer Flachmann für den kleinen Schluck Whiskey zwischendurch, eine stählernes Behältnis für die Erdnussbutter und eine Handvoll Nieten mehr an den Jeans sollten schon dazukommen.

Dem frischgebackenen Groko-Regierungskabinett rufen wir zu: Denkt daran, schafft Vorrat an! Einen Vorrat an Jeans, Whiskey und Erdnussbutter made in USA, solange das Zeug noch zu haben ist. Ihr werdet jetzt einen hohen Sitzungs-, also auch Hosenbedarf haben. Ihr werdet Euch die Lage der Nation und Eure Politik schönsaufen müssen. Und Ihr werdet der Seelennahrung Erdnussbutter bedürfen, auch wenn sie etwas auf die Hüften schlägt, wie beim neuen Wirtschaftsminister zu sehen. Wenn aber alles nichts helfen sollte: Helge Braun, der neue Kanzleramtschef, ist gelernter Narkosearzt. Olaf Cless

 

Intro des Monats

Liebe Leserinnen und Leser,

es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet in Düsseldorf Wohnungslose fotografiert werden als wären sie jemand anderer. Düsseldorf ist eine normale Stadt  - aber man achtet auf sein Äußeres. In Düsseldorf ist man gern gut angezogen, hier machen Kleider Leute.  Ein Klischee?

Sicher, aber genau darum geht es.  Das Äußere eines Menschen sagt natürlich etwas, vor allem, wenn es ärmlich und schäbig ist. So sieht niemand ohne Not aus. Und damit ist der Mensch direkt in eine Schublade sortiert, abgestempelt.

Umgekehrt ist es nicht so sicher. Wer gut gekleidet ist, kann es sich möglicherweise trotzdem nicht wirklich leisten, weiß aber, dass es eine positive Wirkung auf andere hat. Ein Haarschnitt, eine Rasur, neue Kleidung – und schon ist der Mensch in unserer Wahrnehmung ein völlig anderer. Und das Spannende ist: Auch die Menschen selbst nehmen sich ganz anders wahr.

Die Fotografien der Agentur Getty Images (in der Titelgeschichte dieses Heftes) machen genau das deutlich. Und die Wirkung ist nicht nur eine für andere, sondern auch für die Wohnungslosen selbst ist es überraschend, wie sie aussehen können. Es ist ein Erstaunen darüber, wie stark wir uns vom Äußeren leiten lassen, wie wenig wir hinterfragen, was wir sehen. Natürlich hat das viel mit den geltenden Maßstäben zu tun. Damit, dass das Haben mittlerweile einen kompletten Siegeszug angetreten hat. Sich über den Besitz auszudrücken und zu definieren ist Standard geworden. Wer also bestimmte Merkmale, Signale durch Körperpflege und Look aussendet, ist ein anderer Mensch. Das zu thematisieren ist fiftyfifty gelungen und damit auch die eigenen Sehgewohnheiten und Muster kritisch zu überprüfen.

Der christliche Ur-Impuls ist es, genau nicht nach dem Äußeren zu urteilen, sondern positiv den Wert eines jeden Menschen zu unterstellen. Wenn jeder wertvoll ist, sieht die Welt anders aus.

Herzliche Grüße, Ihr

 

Thorsten Nolting, Diakoniepfarrer von Düsseldorf