epaper: www.fifty-fifty.de/magazin/epaper / Archiv: www.fiftyfifty-galerie.de/archiv

Liebe Leserinnen und Leser, neulich habe ich mich einige Stunden neben Vasile, einen unserer fiftyfifty-Verkäufer gestellt, um (wieder) einmal zu beobachten, wie es einem unserer Leute so ergeht. Viele haben den freundlichen Mann aus Rumänien nett begrüßt – man kennt sich. Doch eine junge Frau hat ihm aggressiv im Vorbeigehen nachgerufen: “Geh nach Hause, du Sch..._Zigeuner.” Ein älterer Mann meinte: “Geh’ arbeiten, faules Miststück.” Vasile, der nicht gut deutsch kann, hat die Tragweite der Diskriminierungen dennoch mitbekommen. Diese Art von Sprüchen kennt er und den Hass im Unterton sowieso. “Wenn nur ein Einziger am Tag so schlimme Dinge sagt, dann tut das dennoch weh”, sagt er und lächelt. Nicht nur, um Geld für sich und seine in einem armen Roma-Dorf in Rumänien befindliche Familie zu verdienen. Sondern auch aus einer innerer Haltung heraus. In den etwa vier Stunden, die ich in seiner Nähe bin, hat Vasile viel positive Zuwendung erhalten – und: 16,80 Euro. Eine einzige Zeitung hat er verkauft, der Rest waren Almosen. 16,80 Euro in vier Stunden bei nur einer Zeitung. An diesem Umstand lassen sich zwei Probleme erkennen. Erstens: Das ist ein miserabler Stundenlohn und Vasile muss, um auf seinen Schnitt zu kommen, täglich über 10 Stunden vor dem Markt stehen. Schließlich zahlt er für sein Bett bei Landsleuten in Deutschland auch Miete. Zweitens: Nur eine einzige Zeitung losgeworden. Die gut gemeint zugesteckten Münzen verkehren den ursprünglichen Sinn von fiftyfifty – nämlich aus Bettlern Zeitungsverkäufer zu machen – ins Gegenteil. Vasile freut sich über das Geld dennoch und auch darüber, dass er die selbst vorfinanzierten Zeitungen nicht hergeben muss. Für uns, als gemeinnützigen Verlag, ist dieses (Nicht-)Kaufverhalten verheerend. Die Auflage ist in den letzten Monaten stark gesunken, sodass es immer schwieriger wird kostendeckend zu wirtschaften. Zumal wir alle Kosten wie Büro, Telefon, Personal (außer der Sozialarbeit) aus den Erlösen der fiftyfifty decken und somit alle Spendeneinnahmen direkt und ohne Abzug in unsere Projekte investieren können: Streetwork, Underdog, GuteNachtBus, alternative Stadtführungen (strassenleben.org) und vor allem in den Kauf von Wohnungen für Obdachlose. Allein in den letzten zwei Jahren haben wir über 40 Wohneinheiten erworben für Menschen ohne jede Chance auf einen regulären Mietvertrag, die zum Teil schon jahre- bis jahrzehntelang auf der Straße sind. Wenn die Auflage der Zeitung von derzeit etwa 25.000 sich nicht wieder erholt, weil die Zeitung meistens nicht mehr genommen wird, müssen wir entweder den Verkaufspreis erhöhen oder Spenden in die fiftyfifty investieren, wie dies alle anderen Straßenzeitungen auch tun. Aber das wollen wir nicht. Eine Ursache der Misere ist übrigens auch ein positives Faktum: Immer mehr Menschen aus Osteuropa haben wir in reguläre Jobs vermitteln können.

In der neuen fiftyfifty, die am 29.9. erscheint, finden Sie wieder viele spannende Themen. Die Titelgeschichte handelt von der Telefonseelsorge. Die Telefonseelsorge ist an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr erreichbar. Über 8.000 Ehrenamtliche in ganz Deutschland nehmen sich Zeit für die Nöte und Sorgen ihrer Mitmenschen. fiftyfifty-Sozialarbeiter Johannes Dörrenbächer hat seine Mutter Heidrun Mohren-Dörrenbächer, Diplompsychologin und Theologin sowie katholische Leiterin der Telefonseelsorge Saar, interviewt. „Natürlich melden sich auch Wohnungslose bei uns“, sagt sie. Und: „Es ist ein Unterschied, ob ich alt, einsam und arm bin oder ob ich alt, einsam und reich bin.“ Schließlich: „Manche Menschen wollen einfach einmal klagen oder einen anderen Menschen an ihrem Problem teilhaben lassen.“ Ein weiteres Thema: fiftyfifty-Verkäuferin Veronica Wiegele hat während einer Haftzeit mit dem Laufen angefangen. So bekämpft sie ihre Drogenabhängigkeit. Seitdem sie durch unser Housing-First-Projekt nach vielen elenden Jahren auf der Straße endlich wieder eine Wohnung bekommen hat, geht es für die Kämpferin bergauf. Wichtig auch der Artikel über den Wohnungslosen, den alle nur Socke nennen. In Düsseldorf hat das größte städtische Obdach für ehemals 200 Menschen geschlossen. Viele Wohnungslose haben sich von der Stadt im Stich gelassen gefühlt. Socke hat durch fiftyfifty ein neues Zuhause gefunden. Interessant ist der Artikel über Airbnb, die global agierende Internetbörse für Unterkünfte. Diese deformiert zunehmend den Wohnungsmarkt. Immer mehr Städte wehren sich gegen Zweckentfremdung. Düsseldorf schaut bis jetzt nur zu. Auch eine bekannte Persönlichkeit schreibt – wieder einmal – für fiftyfifty, die Schriftstellerin Ingrid Bachér: “Die Sprache offenbart und ändert nichts. Da las ich doch erstaunt die Aussage der Kanzlerin: ‘Es geht darum, Schleppern Alternativen zu ihren illegalen Geschäften anzubieten. Ansonsten werden sie sich nicht davon abbringen lassen.’ Das gibt zu denken. Bieten wir schon offiziell der Mafia Geld an, damit sie uns verschont? Haben wir je den Fischern an den afrikanischen Küsten Alternativen angeboten, als ihnen ihre Lebensgrundlage durch die großen Fangflotten genommen wurde?”

Sie sehen also: fiftyfifty zu kaufen und zu lesen lohnt sich. Bitte tun Sie das und empfehlen Sie uns bitte auch weiter. Damit unser so wichtiges Projekt nicht ins Straucheln gerät.

Herzliche Grüße, Ihr

Hubert Ostendorf, Mitgründer, Geschäftsführer % Redakteur von fiftyfifty

 

Glosse des Monats

Doktor L. haut rein

Ein älterer Herr, es handelt sich um eine außerordentlich hochgestellte Persönlichkeit, bat uns, ja bestürmte uns, ihm diese Spalte für eine Stellungnahme in eigener Sache zur Verfügung zu stellen. Wir haben uns derartigen Ansinnen bisher stets verweigert. Im vorliegenden, wie ersichtlich besonders gelagerten Fall machen wir eine Ausnahme – wir können nicht anders.

O ihr toll gewordenen Narren und Einfaltspinsel, was habt ihr in diesem Jahr nicht alles in die Welt gesetzt, womit habt ihr nicht Schind-Luder getrieben und eitel Unfug – und all das in meinem Namen, wie ihr nicht müde wurdet herumzuposaunen! Eine alberne kleine Spielfigur habt ihr aus mir gegossen und millionenfach unters törichte Volk gebracht wie einst Tetzel seine Ablassbriefe. Mit einem pompösen Pop-Oratorium voll wallendem Nebel und teuflisch Lichtgewittern habt ihr landauf landab die Hallen vollgemacht. Ihr seid nicht eingeschritten, als euer sog. Erstes Programm einen sog. Dokuthriller mit dem wirren Titel Die Luther-Matrix anzettelte. Ihr habt die Lande überzogen mit Musicals (Luther! Rebell wider Willen), Krimis (Tod in Wittenberg), Comics (Die Abrafaxe auf den Spuren Luthers), mit Kabarett (Luther bei die Fische – ein Wortspiel, für das die Urheber gesengt und gesotten gehören), ja selbst mit einem Daumenkino (Luther haut rein) – den Rädelsführern des Verlages zu Cölln mögen dafür die Daumen abfaulen. Eure Kirchenoberen haben sich nicht entblödet, nervensägende Zeitgenossen wie Harald Glöööckler, er mag sich auch mit einem ö weniger schreiben, Jürgen Klopp und Uschi Glas allen Ernstes damit zu beauftragen, Schmuckschuber für meine Bibel zu gestalten, ihr nennt es wohl: designen. All dieser Lug und Spuk wurde nicht besser dadurch, dass in meinem Wittenberg eine 27 Meter hohe Bibel aufgerichtet wurde, als sei’s der Turm zu Babel oder das trojanische Ross. Und auch nicht dadurch, dass am nämlichen Orte ein Segensroboter namens BlessU-2 in sieben Sprachen seinen schnöden Dienst versah. Ich verwahre mich auch gegen eure lästerlichen Godspots in den Kirchen, gegen InstaWalks (#insluther2017) und gegen die App Luther to go, mit der sich tausend Kilometer lieblicher thüringischer Wege in Höllenbahnen des organisierten Wanderfiebers verwandelten. – Haltet nun ein, das Maß ist voll! Lasset Besinnung einkehren nach dem 31. Oktober, dem Tag, den ihr für einen besonderen haltet, im Glauben, ich hätte an ihm vor 500 Jahren meine Thesen wider den Ablass an die Kirchentür genagelt. Wie kommt ihr auf den Unsinn? Nie, solang ich auf Erden wandelte, hab ich derlei behauptet. Was hätte denn das Volk mit dem lateinischen Sermon an der Tür anfangen sollen? Olaf Cless

 

Intro des Monats

Liebe Leserinnen und Leser,

allem Anschein nach begeben sich Politikberater im Vierjahresrhythmus ins intellektuelle Zölibat, um Sentenzen zu produzieren wie „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, „Eine bessere Zukunft kommt nicht von allein“ oder „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ (offizieller Hashtag: #fedidwgugl). Verheißungen wie aus einem Glückskeks. Nach der Wahl gilt es nun, diesen inhaltsbefreiten Floskeln Taten folgen zu lassen. Nie waren die Voraussetzungen dafür günstiger. Der deutsche Staat schwimmt in Geld. Im ersten Halbjahr 2017 hat er den höchsten Überschuss seit der Wiedervereinigung erzielt.

Handlungsbedarf gibt es überall. Im Wohnungsbau zum Beispiel: Laut Bundesverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) wurden seit 2009 eine Million Wohnungen zu wenig gebaut. „Wir haben in Deutschland eine Situation erreicht, in der der normale Durchschnittsverdiener nicht mehr in der Lage ist, eine Neubauwohnung zu bezahlen", so der Präsident des GdW. Die Unterstützung der öffentlichen Hand für bezahlbaren Wohnraum bleibt weit hinter dem Bedarf zurück. Folge: Die Zahl wohnungsloser Menschen ist auf  ca. 380.000 gestiegen. Bis 2018, so die aktuelle Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), werden 536.000 Menschen in Deutschland wohnungslos sein. „Die tatsächliche Zahl könnte um mehrere hunderttausend Menschen darüber liegen.“ Zuwanderung spielt dabei als Katalysator zwar eine Rolle, als wesentliche Ursache benennt die BAWG jedoch die Tatsache, dass die Zahl der Wohnungen mit Sozialbindung auf knapp eine Million stark gesunken ist. Jedes Jahr verlieren bis zu 80.000 Wohnungen die Sozialbindung. Nur ein Viertel davon wird durch Neubau ausgeglichen. Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge konstatiert: „Mittlerweile ist der Wohlfahrtsstaat hierzulande so weit demontiert, dass er selbst Wohnungslosigkeit produziert.“

Die ersten Opfer der Wohnungsknappheit sind die „marktfernsten“ Mitglieder unserer neoliberalen Gesellschaft, die Obdachlosen, denen die öffentliche Hand - abgesehen von ein paar Nachtasylen, Notunterkünften und Kältebussen - kaum Mittel zur Verfügung stellt. Hier springen gemeinnützige Organisationen wie fiftyfifty ein. Gemeinsam mit Partner-Organisationen konnte fiftyfifty bislang mehr als 5.000 Obdachlose von der Straße holen, ermöglicht u. a. durch den Verkauf  gespendeter Kunstwerke vieler berühmter Künstlerinnen und Künstler. Nicht zuletzt auch dank Ihrer Unterstützung. Herzlichen Dank dafür! Bitte bleiben Sie uns auch weiterhin gewogen.

Mit besten Grüßen, Ihr

Dr. Hans Peter Heinrich. Seit drei Jahren Mitglied des fiftyfifty-Redaktionsteams.