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Die Juni-Ausgabe der neuen fiftyfifty hat zum ersten Mal seit 23 Jahren kein Titelfoto – und die Rückseite erklärt, warum. Es ist ein Appell, das Heft zu kaufen anstelle eines Almosens für einen wohnungslosen Menschen zu geben. Weil die Lage auch noch nie so ernst war. Die Auflage von fiftyfifty sinkt. Durch die Digitalisierung sind nahezu alle Printmedien in der Krise. Aber wir von fiftyfifty können nicht auf das Internet ausweichen, da unsere Leute darauf angewiesen sind, ihr Produkt auf der Straße zu verkaufen. Und dort, auf der Straße? Dort erfahren sie immer mehr Ablehnung, weil die Konfrontation mit der zunehmenden Armut vielen Menschen unangenehm ist. Und diejenigen, die sich berühren lassen, gehen immer mehr dazu über, die Zeitung nicht mehr zu nehmen und stattdessen nur noch ein Almosen in den Becher zu werfen. Dabei ist die Zeitung fiftyfifty das Herzstück des gesamten, komplexen Projektes. Weil damit ein Mensch in Not unmittelbar Unterstützung erhält, nämlich die Hälfte des Verkaufspreises. Und dazu: ein nettes Wort, Aufmerksamkeit und gelebte Solidarität. Im Gegenzug dafür gibt es ein dankbares Lächeln und natürlich ein gutes Heft mit gut aufbereiteten Informationen über Armut und was dagegen hilft. Alle, die die Zeitung kaufen, stärken die Idee, die hinter fiftyfifty steht: Ware gegen Geld. Der Kauf der Zeitung ist zudem für das gesamte fiftyfifty-Hilfswerk wichtig. Denn die Zeitung deckt ALLE Kosten, sodass ALLE Spenden in unsere Hilfsprojekte fließen – ohne Abzug. Wenn die Auflage sinkt, ist das Prinzip der Kostendeckung gefährdet. Und wenn wir die Zeitung wegen finanzieller Unterdeckung einstellen müssten, gingen auch alle anderen Projekte von fiftyfifty unter.

Die typographische Aufmachung soll auch denen, die die Zeitung lediglich als Vehikel zum Betteln nehmen, das Leben schwerer machen. Nicht gegen Betteln, aber nicht zusammen mit der fiftyfifty.

Um den Verkauf zu stärken, hat uns der Künstler Klaus Klinger, Pionier der Wandmalbewegung und ehemaliger Student von Gerhard Richter, unterstützt. Alle, die das neue Heft kaufen, bekommen damit einen Coupon, mit dem sie in der fiftyfifty-Galerie ein handsigniertes Kunstwerk im Wert von 100 Euro erhalten. Jede Zeitung ist somit 100 Euro wert.

Die fiftyfifty kostet 1,20 Euro und wir in Düsseldorf, einigen Städten des Ruhrgebietes, Bonn, Mönchengladbach ... und Frankfurt/Main von Wohnungslosen verkauft. Die Hälfte des Verkaufserlöses dürfen diese zur Linderung ihrer Not behalten.

 

Glosse des Monats

Auf Entzug

Haben Sie einen Moment Zeit? Sie können ja gleich wieder an Ihr Smartphone zurück. Steve Jobs, Sie kennen doch Steve Jobs, den früheren Apple-Chef, also Jobs wurde mal kurz nach Einführung des iPads von einem Journalisten gefragt, wie denn seine Kinder das Ding fänden. Darauf hat er – hören Sie noch zu? – gesagt: „Sie haben noch keines benutzt, wir begrenzen die Zeit, die unsere Kinder mit Technik verbringen dürfen.“ Tim Cook, Jobs Nachfolger, hält es mit seinem Neffen ganz ähnlich. Er kennt schließlich das Problem. Selbst Aktionäre des Apple-Konzerns haben ihn schon aufgefordert, das nächste iPhone „weniger süchtig machend zu gestalten“. Ach bitte, lassen Sie Ihr Gerät noch in der Tasche, ich habe noch ein paar News für Sie. Der Name Palihapitiya sagt Ihnen wahrscheinlich nichts, aber Chamath Palihapitiya, das ist immerhin der ehemalige Vizepräsident von Facebook. Der erklärt heute, dass wegen Facebook das Sozialverhalten und der öffentliche Diskurs auf den Hund kommen, und dass er, Palihapitiya, durch seine Beteiligung an dieser Entwicklung „unendliche Schuld“ auf sich geladen hat. „Facebook programmiert die Menschen“, sagt er, und er würde „diesen Scheiß“ nicht mehr nutzen und verbiete es auch seinen Kindern. Nein, Sie wischen jetzt bitte noch nicht auf Ihrem Handy herum, wir sind noch nicht durch. Haben Sie sich den hübschen Namen gemerkt? Pali – na? Palihapitiya, ich sag es nicht noch mal. Kommen wir zu Sean Parker, das war der Facebook-Gründungspräsident. Er erklärt jetzt klipp und klar, dass man bei der Konzeption der Plattform seinerzeit bewusst auf süchtig machende Features gesetzt hat, und fügt warnend hinzu: „Wir wissen nicht, was das mit den Hirnen unserer Kinder macht.“ Hallo, Sie schielen ja schon wieder aufs Display. Sind ja die reinsten Entzugserscheinungen. Apropos Entzug, Marc Benioff, Chef einer Softwarefirma, fordert, man solle Facebook behandeln wie die Tabakindustrie. Und der Apple-Mitgründer Steve Wozniak greift gerade zur Selbsthilfe, um clean zu werden: „Ich bin dabei, Facebook zu verlassen. Es hat mir mehr Schlechtes als Gutes gebracht.“ Nein, Sie gehen jetzt nicht dran, die Message hat Zeit, ich schmeiße dafür auch nachher eine Runde, und zwar schön analog, versprochen! Wo waren wir? Beim Schlechten und Guten. Der frühere Facebook-Investor Roger McNamee beschreibt das Schlechte so: „Facebook spricht unser Reptilienhirn an – vor allem Furcht und Wut. Und mit den Smartphones haben sie einen ständig am Wickel, solange man wach ist.“ Hallo, wohin so eilig? Ich wollte Sie doch einladen! Olaf Cless

 

Intro des Monats