die kunst zu helfen
Joseph Beuys - Biographie

„Aber der Mensch ist die Lösung“

Grafiken und Plakate von Joseph Beuys zum 100sten in der fiftyfifty-Galerie

Als Joseph Beuys 1986 gestorben ist, gab es fiftyfifty noch nicht. Sonst hätte er unsere Obdachlosenhilfe sicher unterstützt, sagt sein Meisterschüler und unermüdlicher Apologet Johannes Stüttgen. Die bei uns gezeigten Arbeiten sind Zuwendungen von Spender*innen, insbesondere von den Verleger-Brüdern Rolf und Klaus Staeck, letzterer der bekannte Plakatkünstler und Beuys-Weggefährte, die ihr umfangreiches Depot für die engagierte Sache durchsucht haben. So kommt also Beuys, der Grenzgänger, Systemüberwinder, Schamane, Revoluzzer der Kunsttheorie, der Unfassbare und auch so außergewöhnliche Professor an der Düsseldorfer Akademie posthum zu der Gelegenheit, fiftyfifty doch noch zu helfen.

„Das System ist kriminell, der Staat zum Feind des Menschen geworden“, sagte er einmal. Und folgert: „Die einzige revolutionäre Kraft ist die Kunst.“ Diesem Credo mögen vielleicht viele seiner ehemaligen und danach weltberühmten Schüler*innen gefolgt sein, wenn sie mit guten Gaben für die Ärmsten im Einsatz waren: Felix Droese, Jörg Immendorff, Imi Knoebel, Katharina Sieverding - um nur einige zu nennen. Ihnen allen ist gemein, dass sie, wohl ganz in der Tradition ihres Lehrers, bei fiftyfifty nicht nur den konkreten Einsatz für die am stärksten Ausgegrenzten unserer Gesellschaft schätzen und geschätzt haben, sondern auch unsere Aufsässigkeit, Beharrlichkeit, den Mut und das hohe Maß an Partizipation mit Obdachlosen, wenn es darum geht, die Ursachen, warum es Not und Elend gibt, öffentlichkeitswirksam zu benennen. „Direkte Demokratie“ hätte Beuys auch diesen Ansatz vielleicht genannt. Und mag sein berühmtes Zitat noch so sehr strapaziert worden sein - wenn Obdachlose sich unter Regie der Fotografin Katharina Mayer aus Protest gegen das Weggucken und die Vertreibung auf Galeriesockel unübersehbar und trotzig vor das Rathaus stellen, was sind sie denn dann anderes, als Künstlerin oder Künstler, ganz in dem Sinne, dass jeder Mensch doch eine/r sei, Lebens- und Überlebenskünstler allemal? Was sind sie dann anderes, als das, was Beuys in seinem berühmten Begriff von der „Sozialen Plastik“ ausdrücken wollte? Oder: „Zeige deine Wunde“ – so hieß eine der vielen aufrührend-verstörenden, sogar spirituellen Installationen, heute aktueller denn je. Darin sagt Beuys: „Tiere, Bäume, Menschen – alles ist entrechtet. … Die Bäume sind aber wichtig, um die menschliche Seele zu retten. Das Einzige, was sich lohnt, aufzurichten, ist die menschliche Seele.“ Aber natürlich geht es bei Beuys wie auch bei fiftyfifty nicht allein darum, gesellschaftliche Wunden nur zu zeigen, nein, es geht auch um mehr als nur um Heilung, es geht schlechterdings um das Ganze, um einen Paradigmenwechsel, unsere Zukunft als Gesellschaft und Weltgemeinschaft, in der dann Menschen nicht mehr nur eindimensional und diskriminierend lediglich auf ihre Produktivitätsfähigkeit reduziert werden. Dementsprechend konstatierte schon der in allen existenziellen Fragen sich kompetent gebende, ganzheitlich denkende Beuys: „Das Geld ist krank.“ Denn: „Geld ist ja gar kein Wirtschaftswert!“ Daher auch, weiter: „Der Zusammenhang von Fähigkeit und Produkt sind die zwei echten Wirtschaftswerte. So erklärt sich die Formel des erweiterten Kunstbegriffes: Kunst = Kapital.“ Die Kunst, so Beuys, sei „das Bild des Menschen selbst.“ Indem der Mensch mit der Kunst konfrontiert sei, sei er daher „mit sich selbst konfrontiert“ – mit sich selbst, seinen Möglichkeiten und seiner Zukunft, die es aktiv zu gestalten gelte. „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“, lautet eines der bekanntesten Zitate des vor 35 Jahren gestorbenen und bis heute von Vielen verehrten Visionärs. Und auch das: „Das Kunstwerk ist das allergrößte Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung.“ Was, um es hinzuzufügen, sicher auch für die Überwindung der Obdachlosigkeit gilt. Hubert Ostendorf