Flagge zeigen

Interview mit Tote-Hosen-Sänger Campino

Die Toten Hosen unterstützen fiftyfifty seit vielen Jahren. Sie haben sich für den Straßenkinderzirkus „Upsala“ aus St. Petersburg eingesetzt – fiftyfifty durfte den Song „Steh auf, wenn du am Boden liegst“ für einen Kinospot verwenden. Campino hat für einen weiteren fiftyfifty-Spot den Text gesprochen. Wir unterhielten uns mit dem Sänger der Toten Hosen über das 30-jährige Bandjubiläum, die neue Platte „Ballast der Republik“ und über soziale Projekte, die ihm besonders am Herzen liegen.

fiftyfifty: Im Berliner „Tagesspiegel“ hat gerade eine junge Journalistin geschrieben, in Düsseldorf gehe es ja immer nur ums Geld. Sogar die Parkbänke seien nachts beleuchtet ...

Campino: Lass die junge Dame doch reden! Bei den beleuchteten Bänken handelt es sich um ein Kunstprojekt im Düsseldorfer Hofgarten. Das hat sie wohl nicht verstanden. Ich kann ihr gerne ein paar Stellen in Düsseldorf zeigen, die nicht beleuchtet sind. Düsseldorf und Berlin lassen sich nicht vergleichen. Berlin ist eine Metropole und manchmal sehr schwerfällig. Düsseldorf ist ein kleineres Boot und deshalb auch manövrierfähiger.

fiftyfifty: Ihr veröffentlicht jetzt im Mai eure neue Platte, das erste Studioalbum seit 2008. Wie habt Ihr das letzte Jahr verbracht?

Campino: Je länger man als Band existiert, umso wichtiger sind Auszeiten. Ein neues Kapitel zu eröffnen, will gut vorbereitet sein. Und je älter wir werden, umso mehr haben wir auch ein Leben neben den Toten Hosen. Manchmal geht es auch nur darum, etwas zu erledigen, was man immer schon machen wollte, sei es eine größere Reise oder ein anderes Projekt.

fiftyfifty: Wie war das in den ersten 20 Jahren?

Campino: Früher waren wir viel klarer auf die Band fixiert; daneben gab es für uns nichts. Heute verfliegt die Zeit viel schneller. Es kostet mehr Mühe, sich zusammen zu finden und zu konzentrieren.

fiftyfifty: Die neue Platte trägt den Titel „Ballast der Republik“. Wie viel Prozent „Ein kleines bisschen Horrorschau“ (1988), wie viel „Opium fürs Volk“ (1996) und wie viel „In aller Stille“ (2008) stecken drin?

Campino: Das kann ich noch gar nicht einordnen. In den letzten zwei Jahren haben wir uns sehr intensiv mit der Zusammenstellung beschäftigt. In den letzten drei Monaten war ich ein Nervenbündel und habe schon mit dem Gedanken gespielt aufzuhören. Einerseits liegt die Messlatte bei uns viel höher als früher, andererseits hatten wir den Wunsch, zum Jubiläum eine starke Scheibe rauszubringen. Wir wollten noch einmal einen Schwerpunkt setzen.

fiftyfifty: Das Titelstück „Ballast der Republik“ widmet sich der deutschen Geschichte. Was ist der Gedanke dahinter?

Campino: Ich habe das Stück zusammen mit einem Freund von mir geschrieben, der ursprünglich aus Rostock kommt: Marteria. Es ist der Versuch, eine Zustandsbeschreibung der Gefühlswelt unserer Gesellschaft abzugeben. Spannend war dabei, dass ein „Ost-Deutscher“ mit mir, einem „West-Deutschen“, versucht hat, einen gemeinsamen Gedanken zu finden.

fiftyfifty: Wie lautete das Ergebnis?

Campino: Egal aus welchem Teil der Republik man kommt: Man trägt diesen Ballast der Historie ständig mit sich herum. Wir wollten ein politisches Stück machen, bei dem wir nicht Gefahr laufen, dass der Song morgen ungültig ist. Der Text sollte eine längere Halbwertszeit haben als – zum Beispiel – Guido Westerwelle. Wenn man heutzutage etwas über einzelne Politiker schreibt, weiß man schließlich nicht, ob sie in 14 Tagen noch im Amt sind.

fiftyfifty: Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland in den letzten Jahren immer weiter auseinander. Wie betrachtest Du diese Entwicklung?

Campino: Das ist wirklich besorgniserregend. Wenn man es mit dem restlichen Europa vergleicht, haben Menschen aus einem sozial schwachen Hintergrund hierzulande die schlechtesten Chancen. Der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär lässt sich in Deutschland nur schwer realisieren. Da sind andere Gesellschaften transparenter.

fiftyfifty: Was müsste sich in Deutschland ändern?

Campino: Ich kenne leider auch kein wirksames Mittel, wie man die Situation ändert. Unsere Trumpfkarte könnte sein, dass die Deutschen alles in allem ein sehr bewusstes Volk sind. Man hat die Möglichkeit, über Kampagnen auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen und die Menschen zu sensibilisieren. Sozialen Problemen gegenüber herrscht in Deutschland keine völlige Ignoranz. In den USA wäre es viel schwieriger, den Menschen zu vermitteln, dass wir auf einem Weg sind, der nichts Gutes verspricht. Und dass wir alle gegensteuern müssen.

fiftyfifty: Ein weiteres politisches Stück auf der neuen Platte ist „Europa“. Worum geht es in dem Text?

Campino: Der Song thematisiert das Drama der Flüchtlinge, die mit den Booten aus Afrika kommen. Sie werden abgefangen und wieder zurückgeschickt – wenn sie nicht vorher ertrinken. Das ist eine traurige Thematik. Europa macht die Grenzen zu, um die Armut der anderen Erdteile draußen zu halten. Der Gedanke ist immer noch: Wir zuerst – dann die anderen. Es geht leider immer noch nur darum, sich gegen die Sorgen der anderen Menschen abzuschotten. Die Solidarität bleibt auf der Strecke.

fiftyfifty: Ihr habt Euch 2006 zusammen mit fiftyfifty gegen die Abschiebung der Familie Idic von Düsseldorf nach Serbien eingesetzt. Was war eure Motivation?

Campino: Die Geschichte der Familie ging dank eures Engagements durch die Zeitungen. Wir haben davon gelesen und uns mit der Tochter getroffen. Das Schicksal der Menschen, die abgeschoben werden sollen, wurde in diesem Fall exemplarisch an konkreten Personen abgebildet und von vielen Leuten emotional reflektiert. Man muss aber wissen, dass es hunderte No-Names gibt, die nicht das Glück haben, in der Zeitung zu stehen und eine Solidaritätswelle auszulösen.

fiftyfifty: Welchen Umgang mit dem Thema empfiehlst du?

Campino: Egal wie ermüdend es ist: Man muss immer wieder von vorne darauf aufmerksam machen. Mit derselben Sturheit kämpfen mit der andere Leute in unserer Gesellschaft versuchen, solche Menschen zu unterdrücken oder hinauszuschmeißen. Unser Land hat die Pflicht, über den Tellerrand hinaus zu denken.

fiftyfifty: Wie kommst du zu dieser Meinung?

Campino: Es wird vor allem durch das Internet immer klarer, dass Grenzen eine Sache von gestern sind. Anderes Beispiel: Wenn in Frankreich, Polen oder sonstwo ein Atomkraftwerk explodiert, betrifft das alle Nachbarländer. Genauso kann es uns auch nicht egal sein, wenn in anderen Ländern Hungersnöte herrschen. Und dann gibt es ja noch die ewige Frage: Muss sich die Weltgemeinschaft einmischen, wenn ein Diktator anfängt, sein Volk zu ermorden?

fiftyfifty: Wie sollte man sich in einem solchen Fall verhalten?

Campino: Die Wahrheit ist: Wir sind mit solchen Problemen sehr häufig überfordert. Im kleinen Bereich ist es aber für jeden möglich, Flagge zu zeigen. Eine Grundsatzhaltung kann jeder Mensch haben, zum Beispiel: Ob man es für zumutbar hält, jemanden zurück in die Hölle zu schicken, nur weil er irgendwelchen Statuten nicht entspricht oder sein Deutsch nicht perfekt ist.

fiftyfifty: Ihr kooperiert mit Pro Asyl und Oxfam. Wonach sucht Ihr die Hilfsorganisationen aus, mit denen Ihr arbeitet?

Campino: Es gibt dafür kein festes Prinzip. Oxfam habe ich über Bob Geldof kennengelernt. Wir wollten auf die Entschuldung der afrikanischen Länder aufmerksam machen. Er hat mir dringend angeraten, einmal selbst dort hinzufahren, und gab mir ein paar Telefonnummern. Oxfam hat uns dann vor Ort betreut.

fiftyfifty: Zusammen mit Deinen Bandkollegen Andi und Breiti bist Du durch Uganda, Sambia und Malawi gereist. Was hat Dich besonders beeindruckt?

Campino: Die Oxfam-Mitarbeiter haben mir eindrücklich gezeigt, wie sehr die NGOs Hand in Hand arbeiten (NGO = Nicht-Regierungs-Organisationen, d. Red.). In Europa sieht man in der Bank zwölf Spendenzettel und wittert einen Konkurrenzkampf zwischen den Organisationen. Das ist aber vor Ort nicht so. Es wird sehr kollegial gearbeitet und man hilft sich gegenseitig. Jeder hat nur das beste Ergebnis als Ziel.

fiftyfifty: Im März erschien die Single „Tage wie diese“, die Platte „Ballast der Republik“ folgt gerade. Was bringt Euch das Jahr 2012 sonst noch?

Campino: Wir freuen uns darauf, dass es jetzt endlich wieder losgeht, sind gemeinsam bereit für neue Abenteuer. Wir hatten uns für 2012 verabredet, um wieder mit dem Tourbus loszufahren. Wenn man alle Vorbereitungsschwierigkeiten hinter sich gebracht hat, ist das ein gutes Gefühl. Für mich ist das im Moment so, als hätten wir alle unsere Sachen gepackt und würden in der Wartehalle stehen. Wir werden sehr viel unterwegs sein.

fiftyfifty: Deine drei großen Höhepunkte im Jubiläumsjahr?

Campino: Die Magical-Mystery-Tour durch die Wohnzimmer unserer Fans wird uns bestimmt wieder an viele besondere Orte bringen, an denen wir vorher noch nicht waren. Dass wir ausgerechnet in diesem Jahr bei „Rock am Ring“ spielen können, eine unserer Lieblingsbühnen, bereitet uns eine riesige Freude. Und diese Euphorie nehmen wir auch mit nach Buenos Aires, wo wir im Herbst unser 20-jähriges (argentinisches) Bühnenjubiläum feiern.