Die Geburtsstunde des Fahrrads

Vor 200 Jahren erfand und erprobte Karl von Drais seine Laufmaschine. So kam das Zweirad in die Welt das Fortbewegungsmittel, dem mehr denn je die Zukunft gehrt.

Von Olaf Cless

Die Presse war nicht dabei, aber bezeugt ist das Ereignis dennoch: Am 12. Juni 1817 fhrte Karl von Drais der Mannheimer ffentlichkeit seine neu erfundene Fahrmaschine vor. Sie wurde von keinem Pferd bewegt wie bisher blich, sondern vom Fahrer selbst, und sie lief nicht auf vier oder drei Rdern, sondern auf zweien hintereinander ein nie gekanntes Prinzip, bei dem die Balancierknste des Benutzers mit ins Spiel kamen, aber auch gewisse Finessen der Konstruktion. So konnten denn die Schaulustigen an jenem Donnerstag vor genau 200 Jahren einen Herrn beobachten, der rittlings auf einem eigenartigen Rollgestell sa, die Unterarme auf ein gepolstertes Brett gesttzt und die Hnde an einer Lenkstange, und sich mit den Fen abwechselnd vom Boden abstie, fast als wrde er Schlittschuh laufen.

Drais startete am Mannheimer Schloss und entschwand in Richtung der kurfrstlichen Sommerresidenz Schwetzingen die Chaussee dorthin war eine der besten weit und breit. An einer Pferdewechselstation unterwegs macht er kehrt und fuhr zurck. Fr die Gesamtstrecke von gut 13 Kilometern bentigte er eine knappe Stunde. Das war viermal schneller als die Postkutsche, die damals mit etwas ber drei km/h durch die Lande zockelte.

Das Urfahrrad war eine technische Meisterleistung

Drais Laufmaschine war grtenteils aus Holz gefertigt, die Rder eisenbeschlagen, dennoch darf man sich die Konstruktion keineswegs als plump vorstellen. Sie wog wenig mehr als 20 Kilogramm und verfgte ber Extras wie Klappstnder, Bremse, hhenverstellbaren Sattel und Gepcktaschen. Auch wenn sie noch keine Pedale hatte diese Weiterentwicklung sollte erst ein halbes Jahrhundert spter erfolgen , so stellte sie doch eine technische Meisterleistung dar (Hans-Erhard Lessing) und nichts Geringeres als das Urfahrrad.

Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn (1785-1851), geboren in Karlsruhe, gehrte dem Beamtenadel ohne Grundbesitz an. Sein Vater war Hofrat, sein Taufpate der regierende Markgraf Karl Friedrich persnlich. Der bestimmte dann auch, was aus dem jungen Mann nach dem Besuch des Lyceums werden sollte, nmlich ein Forstmeister. Diesen Beruf trat Drais letztlich nie an, er erhielt aber trotzdem volle Bezge, so dass er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Erfinderwesen, widmen konnte, wenn auch ohne eigene Werkstatt, dafr reichte das Geld denn doch nicht.

Er beschftigt sich mit einer Notenschriftmaschine zum Aufzeichnen von Klavierstcken, mit einer Art von frhem Phonographen wie auch den mathematischen Problemen bei der Umstellung der alten badischen Mae auf das dekadische System aus Paris. Bald experimentiert er auch mit vierrdrigen, per Muskelkraft und Tretmhle betriebenen Fahrmaschinen, fhrt sie sogar beim Wiener Kongress den versammelten Frsten vor was rger gibt, denn er wagt es, Eintritt zu verlangen.

Ein Vulkanausbruch in Indonesien und die Folgen

1815 bricht fern in der indonesischen Inselwelt, stlich von Bali, der Vulkan Tambora aus und schleudert gigantische Aschemengen in die Erdatmosphre, die sich bald auch in Europa bemerkbar machen. 1816 wird ein Jahr ohne Sommer, mit Dauerregen, Ernteausfall, Brotteuerung, Viehsterben, Hungersnot. Ohnehin haben die Freiheitskriege gegen Napoleon das Land ausgezehrt. Aus Karlsruhe schreibt Rahel Varnhagen von Ense: Hungersnoth vor der Thr: Theurung, die jeden geniert; solche Noth, dass man gar nichts anders hrt, und es ein jeder hrt; man es von einem jeden hrt; im Oberland, einige Meilen von hier, it man Brot aus Baumrinde, und grbt todte Pferde aus; man sieht allen Grueln entgegen. Zehntausende Einwohner Badens und Wrttembergs ziehen die Konsequenz und wandern aus.

Das also sind die Zeitumstnde, unter denen Karl von Drais auf seine Laufmaschine verfllt, die ohne Pferd auskommt, wie er betont. Es liegt nahe, nicht an einen Zufall zu glauben, sondern von einem Zusammenhang auszugehen: Das Pferdesterben geht um, Hafer und Heu sind knapp und teuer was kme da gelegener als ein revolutionres neues Fortbewegungsmittel ganz ohne Tier und Futter?

Und die Laufmaschine alias Draisine wird zunchst auch tatschlich ein Erfolg im In- und Ausland, wenn auch nicht bei der notleidenden buerlichen Bevlkerung. berall wird das Draissche Zweirad nachgebaut, mal besser, mal schlechter, unter jungen Adelsshnen wird sie ein beliebtes Sportgert, allein das Haus Frstenberg schafft mindestens sechs Exemplare an. Auch Studenten, die es sich leisten knnen, schwingen sich auf die Rder; schon Ende Januar 1818 notiert Goethe nach einem Spaziergang im Jenaer Stadtpark: Im Paradies fuhren die Studenten auf den Laufrdern.

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