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Hermann Focke - Biographie

1924 geboren in Metelen, Kreis Steinfurt

1942-47 Soldat und Kriegsgefangenschaft in Russland

1948-50 praktische Arbeit im Bildahaueratelier Peter Haak,Erkelenz

1950-53 Studium der Bildhauerei an der Werkkunstschule in Münster bei Kurt Schwippert und Hugo Kükelhaus

1953-59 Weiterstudium an der Kunstakademie Düsseldorf

Meisterschüler bei Ewald Mataré

1958 Stipendium der Poensgen-Stiftung Düsseldorf

seit 1959 als freischaffender Künstler in Düsseldorf tätig

Plastik,Malerei und Zeichnung

seit 1970 ausgedehnte Studienreise nach Japan,Korea,Russland,Aserbaidschan,Armenien,Georgien,Peru und Malta

seit 1986 Entwicklung der Faltskulpturen

1996 Workshop für chinesische Malerei und Kalligraphie an der Universität Hangzhui in China

http://www.focke-kunst.de/

Schönheit und Geometrie

Die einzigartige Faltkunst von Hermann Focke

Schon im Vorraum von Hermann Fockes Düsseldorfer Atelierwohnung grüßen diese bestechend filigranen Faltskulpturen. Auf maßgefertigten Sockeln, unter schützendem Plexiglas, entfalten sie eine Aura von kostbarer Leichtigkeit und Raffinesse. Tritt man dann in den hohen Hauptraum, umfängt einen die bizarre Vielfalt einer Wunderkammer. Bis unter die Decke türmen sich Fockes Artefakte, wachsen förmlich empor, das Ganze ähnelt einer altehrwürdigen Sammlung von Korallen, Knochenfischen und anderen seltenen Präparaten, von denen sich die Schulweisheit nichts träumen lässt. Einzelne dieser symmetrischen Gebilde sind zu Metallskulpturen von stattlicher Größe gediehen, stehen teilweise draußen im verwunschenen Garten. Auf einem Tisch wartet ein Berg von Einzelteilen, ausgeschnittenen geometrischen Grundformen und angefangenen Faltkörpern, auf Weiterbearbeitung durch den Künstler.

Vor gut 25 Jahren fing Hermann Focke an, diese Papierfaltkunst zu entwickeln, und er ist bis heute der Einzige weit und breit, der sie so konsequent betreibt und vervollkommnet. Sein Ausgangspunkt sind gleichmäßige Vielecke, vom Dreieck bis zum Dreizehneck beispielsweise, samt aller sich ergebenden Verbindungslinien. Durch sinnreiche Faltung entlang dieses Liniengeflechts – ob Schwarz auf Weiß oder umgekehrt – lässt Focke polyederförmige Baukörper mannigfacher Art entstehen, die er dann zu komplexen Gebilden zusammenfügt. Mal wachsen sie wie Türme, mal ballen sie sich kompakt zusammen, sie können „ringmolekulare“ Gestalt annehmen oder wie tanzende Sterne wirken. Kein Zufall, dass sich beim Beschreiben gern Natur-Analogien einstellen: Es geht ja tatsächlich um universelle Muster, die im gesamten Mikro- und Makrokosmos wirken. Der Rosenblüte liegt das Pentagramm zugrunde, dem Schneekristall das Sechseck, die Sonnenblume prunkt mit der mathematischen Fibonacci-Spirale ...

Meist erreichen Fockes Objekte eine Vertracktheit, dass wir sie nicht mehr durchschauen. Und das müssen wir auch nicht. Wir dürfen einfach staunen über das unerschöpfliche Formenspiel. Es ist ein abstraktes Spiel und doch nie weit weg vom Leben und seinen Gesetzen des Wachsens und Erstarrens. Auch als Experimentierfeld von Architektur – dieser uns ebenfalls umgebenden „zweiten Natur“ – lässt es sich betrachten. Den Assoziationen sind kaum Grenzen gesetzt. Die hier abgebildete Faltskulptur: Erinnert sie nicht an einen ausladenden Tierkopf oder –schädel, mit einer kleinen fächerförmigen Mähne oben zwischen den Ohren? Aber sicher ist das nicht. In Fockes Atelier, in seinen Händen findet eine eigene Evolution statt, entsteht eine ästhetische Parallelwelt neben der uns bekannten.

Platon schrieb im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung: „Unter der Schönheit der Gestalten will ich ... verstanden wissen Kreislinien und aufgrund dessen die mit Zirkel, Lineal und Winkelmaß hergestellten Körper und Flächen ..., denn diese sind, wie ich behaupte, ... immerdar und an für sich schön und erregen ... ihre eigentümlichen Lustgefühle.“ Diese Sätze klingen wie im Angesicht von Fockes Objekten formuliert. Aber es ist natürlich umgekehrt: Der Künstler kennt die alten Maßgaben der Kunst, weiß um die fundamentale Bedeutung von Zahl und Rhythmus, er hat das alles schon in den 50er Jahren als Akademieschüler beim großen Ewald Mataré gelernt und bei Hugo Kükelhaus, dessen Hauptwerk „Urzahl und Gebärde“ ihm, dem bald 88-Jährigen, bis heute wegweisend geblieben ist.

Hermann Fockes einzigartige Faltobjekte entstehen aus Papier, Geometrie, Klebstoff, Intuition und viel, viel Geduld. Und wenn die Geduld zwischendurch erlahmt? „Dann male ich“, sagt er. Das ist sein Kontrastprogramm, da kommen Farbe, Spontaneität und der präzise Schwung zu ihrem Recht. Was den präzisen Schwung betrifft: An Wochenenden übt ihn der freundliche Herr auch beim Boulespiel im nahe gelegenen Nordpark.

olaf cless