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Katharina Sieverding - Biographie

Katharina Sieverding war Professorin an der Hochschule der Künste in Berlin und gehört zur Spitze der internationalen Kunstszene. Das Werk der 1944 in Prag geborenen Beuys-Schülerin wurde in vielen Ländern der Welt gezeigt. Die Arbeiten von Katharina Sieverding erzielen Höchstpreise auf dem Kunstmarkt. Schwerpunkt ihres Schaffens ist das eigene Gesicht und dessen Wandlungsfähigkeit im Netz von Normen, Klischees und Wunschvorstellungen. Die fiftyfifty überlassene Arbeit, ein Gesicht mit Messern, ist ursprünglich in der Auseinandersetzung mit zunehmender rechtsradikaler Gewalt entstanden.

Die Deutsche Guggenheim Berlin präsentiert Katharina Sieverding:

Katharina Sieverding präsentiert sich selbst

Von Katrin Bettina Müller

Das Blitzlicht der Kamera löst ein Gesicht aus der Nacht: der Lidstrich erbarmungslos gerade, die Haare straff zurückgekämmt, Lichtreflexe tanzen auf den vorspringenden Backenknochen. Neunmal schaut sie uns an, die Lippen leicht geöffnet, nah und näher an das Objektiv gerückt. Nein, dies ist nicht die Anzeigenkampagne einer Domina, sondern die Arbeit einer der bekanntesten Künstlerinnen Deutschlands. In "Nachtmensch" (1982) hat Katharina Sieverding wie in vielen Werkgruppen, die seit Ende der sechziger Jahre entstanden sind, die Regie der eigenen Rolle übernommen: Doch je mehr sie von sich zeigt, desto weniger weiß man über sie.

Selten wird der Wunsch, Kunst möge mehr sein als banale Selbstüberhöhung, so hart auf die Probe gestellt wie bei Katharina Sieverding. Es scheint kein weiter Weg zu sein von des 'Kaisers neuen Kleidern' zu dem Maskenspiel der Künstlerin. Die Selbststilisierung begann 1969 in der Fotokabine und endet in silbrig schimmernden Siebdrucken. Mehrfachbelichtungen und Solarisationen lassen die Konturen des Gesichts verschwimmen oder ins Geisterhafte abtauchen. Die monumentalen Arbeiten entfalten sich oft in filmischen Reihen, fressen laufende Wandmeter über viele Bildfelder hinweg. Vergrößerungen von Kristallisationen, die organisches Material in feinen Verästelungen zeigen, werden neben die Gesichtshälfte gestellt.

So findet die Künstlerin immer neue Wege, ihr Gesicht abzutasten und die Oberfläche zu verfremden. Das Selbst als Ikone: Was bei Andy Warhol begann, treibt sie in der Ausschließlichkeit des Bezugs auf das eigene Ich auf die Spitze.

Schwarz wie Eyeliner, rot wie Blut und golden sind ihre Farben. Das sind die farblichen Insignien der Macht, wohl kaum als Nationalfarben gemeint, aber doch um ihrer tradierten Aufladungen willen gewählt. Die rote Stofffülle, aus der nur die Hände in der frühen Arbeit "Life-Death" (1969/95) herausschauen, evoziert die Mäntel von Kardinälen und Königinnen. In anderen Arbeiten steht das Rot für die zerstörerisch Potenz des Feuers. Mit Goldstaub geschminkt, erhält ihr Gesicht in der zweiteiligen und auf Stahl abgezogenen Fotografie "Die Sonne um Mitternacht schauen" (1973/96) die Aura von Herrschern und Götterbildern. Am Ende hat man wohl mehr über den Machtanspruch des öffentlichen Porträts erfahren als über die Künstlerin.

Denn trotz aller Selbstbildnisse ist es gar nicht so sicher, ob ihr Thema die eigene Identität ist oder nicht vielmehr eine Konstruktion von Stärke, die dem Subjekt wie ein Schutzschild vorgehalten wird. Das Interesse am eigenen Bild teilt sie jedenfalls mit vielen Künstlerinnen ihrer Generation, die dies als bewusste Auseinandersetzung mit ihrem Status als Künstlerin und der weiblichen Identität gesehen haben, wie die Videofrauen Valie Export oder Ulrike Rosenbach. Auch wenn man in dem vor über zehn Jahren erschienen Buch "Zur Physiologie der bildenden Kunst", das über 200 Berliner Künstlerinnen vorstellt, blättert, stolpert man alle paar Seiten über ähnliche Ansätze vom Anfang der achtziger Jahre wie bei der Malerin Gisela Breitling oder der Performerin Anne Judd. Aber kaum eine hat dieses Feld so offensiv beackert, die Ergebnisse so monumental vorgestellt - und schon gar nicht mit so großem Erfolg. Es kam auch keine der anderen Künstlerinnen aus einer so berühmten Akademie-Klasse wie Katharina Sieverding, die bei Joseph Beuys in Düsseldorf studiert hat. Fotos aus der Zeit zeigen sie mit Sigmar Polke, Imi Knoebel, mit dem sie verheiratet war, oder dem Direktor der Kunsthalle Jürgen Harten.

Die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw hat diese Umgebung als eine beschrieben, in "der Künstlerinnen entweder eine starke Persönlichkeit kultivierten oder gar nicht existierten". Nur wer sich Powerfrau stilisierte und als Ausnahme unter den männlichen Künstlerpersönlichkeiten begriff, hatte die Chance, sich durchzusetzen. Wenn diese These stimmt, dann wäre dieser Kraftakt jedenfalls für Katharina Sieverding zu einem Motiv geworden, das fest von ihrem ganzen Werk Besitz ergriffen hat. Denn auch dort, wo nicht das eigene Gesicht im Mittelpunkt steht, prägt eine ähnliche Rhetorik ihre Arbeiten. Wie Plakate beanspruchen die großen Formate öffentliche Aufmerksamkeit und den Status eines aktuellen Kommentars. In Berlin wurde 1993 eine Arbeit mit dem Text "Deutschland wird deutscher" plakatiert, die undeutlich den Kopf einer Frau erkennen ließ, den ein Messerwerfer festgenagelt hatte. So brachte Sieverding eine diffus bedrohliche Stimmung und Nationalismus zusammen. Auf der letzten Biennale in Venedig bildeten Aufnahmen der Leichenfelder, auf denen die wegen BSE-Verdacht getöteten Rinder verbrannt wurden, das Motiv. Aus der Sammlung der Deutschen Bank stammen Siebdrucke, in denen die Begriffe "Geistesleben - Wirtschaftsleben - Rechtsleben" über flackernde Felder gedruckt sind, die Hochofenfeuer oder Sonneneruptionen darstellen könnten. Erst mit etwas Zusatzinformation erkennt man eine Gruppe von Menschen und kann im Katalog nachlesen: Das Motiv von einer Hiroshima-Gedenkfeier. So berühren ihre Arbeiten aktuelle politische Themen wie die Angst vor einem wiedererstarkenden Nationalismus nach der Wende, den BSE-Skandal, der in einen Wirtschaftskrieg der Fleischlieferanten umschlug, oder die atomare Bedrohung. Aber die kalkulierte Uneindeutigkeit im Bezug zwischen Bild und Text lässt Sieverdings Arbeiten als ideale Projektionsfläche für den Wunsch nach Kritik erscheinen. Versucht man die Arbeiten aber nach ihrer Position zu befragen, bleibt von dem Willen zur politischen Einmischung nicht mehr übrig als seine bloße Behauptung.

Die Deutsche Bank hat Katharina Sieverding 1997 zur "Künstlerin im Geschäftsjahr" gewählt und mit ihren Werken aus der umfangreichen Sammlung der Bank Ausstellungen in Filialen, Kunstvereinen und Museen organisiert. Den Abschluß bildet die Schau 'Arbeiten auf Pigment' in Berlin. Rot, blau und gelb bemalte Wandfelder ordnen die farblich oft extrem polarisierten Fotografien in einen malerischen Kontext ein, der auch den Farben innerhalb der Bilder eine größere Eigendynamik zukommen lässt. Jenseits des Bedeutsamen schillert da eine Lust an großflächiger Gestaltung auf, für die das Motiv vielleicht doch nur ein Anlass ist.

7.09.1998, Tip Berlin Magazin