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Otto Piene - Biographie

Licht-, Feuer- und Himmelsbilder

Otto Piene, 1928 in Laasphe (Westfalen) geboren, wird als Sechzehnjähriger zur Flak eingezogen. Nach Kriegsdienst und britischer Gefangenschaft (1944-46) macht er 1947 im westfälischen Lübbecke Abitur. 1948 geht er zum Kunststudium nach München, wo er zunächst an der Blochererschule, später an der Akademie der Künste studiert (1949). Von 1950 bis 1953 setzt er sein Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf fort. Um den Lebensunterhalt seiner Familie finanzieren zu können, nimmt er 1951 eine Stelle für Gestaltung an der Modeschule Düsseldorf an, die er bis 1964 beibehält. 1952 beginnt Piene an der Kölner Albertus-Magnus-Universität Philosophie zu studieren und schließt 1957 mit dem Staatsexamen ab.

Gemeinsam mit dem befreundeten Heinz Mack organisiert er von 1957 bis 1960 eine Reihe von Abendausstellungen im Atelier Gladbacher Str. 69 - angesichts fehlender Ausstellungsmöglichkeiten in Düsseldorf eine Selbsthilfemaßnahme, die auch jungen befreundeten Künstlern die Möglichkeit bietet, ihre Arbeiten zu präsentieren. Hier zeigt Piene zum ersten Mal seine "Rasterbilder", die ab 1957 entstehen. Im gleichen Jahr gründen Piene und Mack die Gruppe Zero. "Zero ist Ausdruck der menschlichen Not, eine neue Welt zu bauen, trotz augenscheinlichem Chaos und scheinbarer Fruchtlosigkeit der Bemühung: zu bauen mit den Mitteln der Natur und menschlicher Begabung, mit universaler Energie und mit Technologie." (Piene)

Die künstlerische Arbeit wird von publizistischem Engagement begleitet: Von 1958 bis 1961 veröffentlichen Mack und Piene die Magazine ZERO 1, 2 und 3, gleichsam das theoretische Fundament von Zero. 1961 stößt Günther Uecker zur Gruppe, die in den folgenden Jahren zahlreiche Ausstellungen, Projekte und Aktionen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und in den USA initiiert. Zero besteht offiziell bis 1966.

Mit "Rasterbildern" und "Rauchzeichnungen" hat Otto Piene 1959 seine erste Einzelausstellung in der Düsseldorfer Galerie Schmela. Hier findet ebenfalls die erste öffentliche Vorführung des - mit Folien und Handlampen gespielten - "arschaischen Lichtballetts" statt. 1960 entstehen daraus mechanisierte und programmierbare Lichtplastiken, mit denen Piene Environments gestaltet. Räume werden zu Lichträumen. Die Arbeit an Rauchzeichnungen, -gouachen und -bildern mündet in die ersten Feuerbilder.

Im Frühjahr 1962 organisieren Mack, Piene und Uecker das Zero-Fest auf den Düsseldorfer Rheinwiesen, anlässlich dessen Otto Piene Luftballons in den Nachthimmel steigen und von Scheinwerfern anstrahlen lässt - eine frühe Manifestation späterer spektakulärer Sky Events.

Zwischen 1962 bis 1969 realisiert Piene zahlreiche weitere Environments, Aktionen und Aufführungen in europäischen und amerikanischen Museen und Theatern sowie unter freiem Himmel, in die Menschen, Licht, Feuer und Rauch, Licht- und Heliumplastiken, Ton und Text integriert werden.

1964 zeigen Mack, Piene und Uecker auf der documente 3 in Kassel den gemeinsamen Lichtraum "Hommage à Fontane".

Im gleichen Jahr führt das Berliner Theater Diogenes Pienes Multimediastück "Die Feuerblume" auf. Hier wird das mechanische Lichtballett durch wechselnde Diaprojektionen ergänzt, wandernde gegenständliche und freie Raumprojektionen greifen ineinander über, Schauspieler spielen mit Licht und Feuer.

Piene wird als Gastprofessor an die University of Pennsylvania in Philadelphia berufen (1964).

1964 und 1965 entwirft der Künstler programmierte Lichtplastiken für das neue Stadttheater in Bonn.

Pienes "Light-Ballet", seine erste Einzelausstellung in den USA, die 1965 in der New Yorker Howard Wise Gallery stattfindet, gilt zugleich als erste vollprogrammierte Lichtausstellung in den USA. Noch im selben Jahr übersiedelt der Künstler nach New York.

1966 präsentieren die Deutsche Akademie der Künste und das Theater Diogenes, Berlin, im Rahmen der Frankfurter "Experimenta I" Pienes Theaterstück "Die Lichtauktion oder New York ist dunkel".

Im selben Jahr gründen Otto Piene und Aldo Tambellini das New Yorker "Black Gate Theatre" und führen Pienes Multimediastück "The Proliferation of the Sun" auf.

Weitere Aktivitäten 1966: "Telegramm", Kunstfest Büdingen. "Der Regenbogen ist los", Atelier Piene, Düsseldorf. "Die rotglühende Venus", Atelier Piene, Düsseldorf.

Otto Piene gestaltet die Fassade des Kölner Kaufhauses Wormland (1966): "Licht und Bewegung.

Bei der Eröffnung der Piene-Ausstellung im Museum am Ostwall, Dortmund (1967), zeigt Piene "deutschlanddeutschland - ein Museumsstück für Licht, Luft, Ton und Feuer", das Aspekte neuerer deutscher Geschichte thematisiert und problematisiert.

Weitere Aktivitäten 1967: "Die Sonne kommt näher", Walker Art Center Minneapolis, Black Gate Theatre, New York, Kunsthalle Nürnberg, Galerie Art Intermedia Köln. "New York, New York", Badischer Kunstverein, Karlsruhe.

1968 wird Otto Piene von Gyorgy Kepes an das Center for Advanced Visual Studies (CAVS) des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/Mass. eingeladen. An diesem interdisziplinär und intermedial angelegten "Ideenlaboratorium", in dem Künstler, Ingenieure, Technologen und Wissenschaftler arbeiten, hält er sich bis 1971 als Resident Fellow auf.

Im Mai findet Pienes "Light Line Experiment", das erste Sky Event größeren Ausmaßes statt, für das ein mehr als 300 Meter langer beleuchteter Polyäthylenschlauch über dem Briggs Athletics Field am MIT aufsteigt. Ab 1968 initiiert der Künstler zahlreiche Sky Events in den USA und Europa.

Unter Publikumsbeteiligung wird 1968 Otto Pienes und Aldo Tambellinis Multimediastück "Black Gate Cologne" live vom WDR in Köln übertragen.

Weitere Aktivitäten 1968: "Die Sonne kommt näher", Allen Memorial Art Museum, Oberlin/O. Bühnenbild für Dieter Schönbachs Oper "Geschichte von einem Feuer", Stadtoper Kiel. "Luftprojekt", Kunsthalle Nürnberg, Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe. "Black Gate Düsseldorf", Rheinufer Düsseldorf.

Im folgenden Jahr - 1969 - sendet der Bostoner Fernsehsender WGBH und Channel 13, New York, "The Medium is the Medium", die erste amerikanische Fernsehsendung, die ausschließlich von Künstlern gestaltet wird (mit Piene, Kaprow, Paik, Tambellini, Seawright u. a.). Im Rahmen von Pienes Beitrag, dem "Electronic Light-Ballet", steigt Susan Peters als "Manned Helium Sculpture" in den Himmel auf.

1969-71 entstehen programmierte Lichtplastiken für das Kapitol, Honolulu/Haw. (zu weiteren frühen Lichtplastiken siehe Otto Piene, Ausst.-Kat. Kölnischer Kunstverein, Köln 1973/74, S. 32ff.).

Weitere Aktivitäten 1969: "Filed of Hot Air Sculptures over Fire in the Snow", MIT (Sky Event). Bühnenbild für ein Ballett nach F. Poulencs "Orgelkonzert in G-Moll", Ballett der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf/Duisburg. "Lift and Equilibrum", MIT (Sky Event).

1970: "Citything Sky Ballet", Pittsburgh/Pa. (Sky Events). "Washington Sky Ballet", Washington/D.C. (Sky Events). "Sky Lei", Honolulu/Haw. (Sky Event).

1971 wird Piene mit Entwürfen zur künstlerischen Gestaltung der Eröffnungs- und Schlussfeiern der XX. Olympischen Spiele beauftragt. Am 11.9.1972 spannt sich der 700 Meter lange "Olympia-Regenbogen" über den See des Münchner Olympiageländes. Nach dem grausamen Massaker an den Athleten der israelischen Olympiamannschaft ist dies ein einprägsames Symbol des Friedens und der Versöhnung. Ein Jahr zuvor hatte mit dem "Charles River Rainbow" - anlässlich der Ausstellung "Earth, Air, Fire, Water - Elements of Art" im Museum of Fine Arts, Boston - die Generalprobe zu diesem Sky Event stattgefunden.

Zwischen 1972 und 1973 konzipiert Piene Arbeiten für die Porzellanfabrik Rosenthal. Er übernimmt die Außengestaltung eines 170 Meter langen Fabrikgebäudes mit Fresken (Regenbogen).

1972 wird Piene Visiting Professor für Umweltkunst an der Architektur-Fakultät des MIT. 1974 beruft man ihn als Nachfolger von Gyorgy Kepes zum Direktor des Center for Advanced Visual Studies am MIT. Mit Telekommunikation, Laser, Video, Holographie, Sky Art und Umweltkunst erweitert er sukzessive den Lehrplan des Instituts.

In den siebziger Jahren initiiert das CAVS eine Reihe größerer kollektiver Projekte: 1976 ist Piene Organisator und Teilnehmer von "You are here - Environmental Art" am Institute of Contemporary Art in Boston mit Mitgliedern des CAVS. 1977 wird das CAVS zur documenta 6 in Kassel eingeladen. Dort ist Piene Organisator und Teilnehmer am Gruppenprojekt "Centerbeam". Im folgenden Jahr findet "Centerbeam" - eine Kombination aus Sky Events, Laserprojektionen, Technologie- und Performance-Elementen - auf der National Wall in Washington/D.C. statt.

1981 wird die erste SKY ART Conference mit Teilnehmern aus aller Welt am CAVS eingerichtet. Ein Jahr später folgt die SKY ART Conference ´82 im Rahmen der "Ars Electronica" in Linz. 1983 leitet Piene die dritte SKY ART Conference ´83 in München. Die Münchner Seebühne zeigt Pienes "Icarus" mit Paul Earls und Ian Strassfogel. Die vierte (und bis dato letzte) SKY ART Conference findet 1986 am MIT statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung verfasst Piene - gemeinsam mit Lowry Burgess und Elizabeth Goldring - das Sky Art Manifest.

Von 1987 bis 88 ist Piene gemeinsam mit Mel Alexanderberg Direktor von LightsOROT für das Yeshiva University Museum in New York.

Zur Planung und Vorbereitung der Kunsthochschule für Medien in Köln wird Piene 1989 bis 1990 Vorsitzender des Beirats der Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Künstler ist ebenfalls Kuratoriumsmitglied für das Zentrum Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM).

1990 wird die "Arttransition ´90" am CAVS initiiert.

1993 wird Piene Professor emeritus am MIT, seit 1994 ist er Direktor emeritus am CAVS/MIT.

Die University of Maryland, B.C., verleiht ihm 1994 die Ehrendoktorwürde (Doctor of Fine Arts h.c.).

1996 erhält er den Sculpture Prize der American Academy of Arts and Letters, New York.

Otto Piene lebt und arbeitet in Groton/Mass.

Susanne Rennert