die kunst zu helfen
Hermann-Josef Kuhna - Biographie

Der Wahnsinn des Sehens, oder: Schönes Böses, Staatsbankett

Über zeitliche Grenzen hinweg bleibt Hermann-Josef Kuhna mit einem monumentalen Wandbild am Rhein präsent. Der Maler und Akademieprofessor engagiert sich auch für die Obdachlosenhilfe fiftyfifty. Von Thomas Hirsch

Düsseldorfs größtes Kunstwerk "steht" am Rhein. An der unteren Rheinwerft unterhalb des Burgplatzes hat Hermann-Josef Kuhna im Sommer 1997 das Wandgemälde "Rivertime" erstellt. Starkfarbige "Flecken" fügen sich zu einem flirrenden, leuchtenden Ganzen zusammen, das, aus der Ferne gesehen, Farbverläufe zeigt, bei dem die eine Handlung ansatzlos in die andere übergeht; die Farbformen überlagern sich und sind, tritt man wieder nahe heran, als haptische Malmasse wahrzunehmen. Der Flaneur taucht in die Farben ein, wird (zum Burgplatz hochlaufend) von diesen umfangen. Natürlich besitzt eine solche Arbeit gesellschaftliche Dimensionen, sie interagiert mit der Architektur, dem Platz und dessen Ambiente, verstärkt dieses oder wertet es um. Indirekt nimmt sie auf den Pluralismus der Gesellschaft Bezug und erfüllt infolgedessen eine "Funktion" (welche aber lediglich einen Aspekt von "Rivertime" ausmacht). Vor allem reagiert die Arbeit auf die Spiegelungen der Formen und Farben im Fluss, auf dessen stets bewegte Oberfläche - eine Idee, die Kuhna übrigens wenig später bei einer zweiten "Rivertime"-Arbeit, einer Folge von 32 gleichwohl autonomen Tafeln, wieder aufgreift.

Hermann-Josef Kuhna wurde 1944 in Thüringen geboren und hat an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Seit 1979 ist er als Professor einer Malklasse an der Akademie in Münster tätig - zu seinen einstigen Studenten gehören Matthias Brock, Stephanie Pech, Elisabeth Weckes und, innerhalb der jüngsten Generation, Dorothea Schüle und Martin Scheufens: Künstler, die sämtlich in den letzten Monaten mit viel beachteten Ausstellungen in Erscheinung getreten sind. Von einer weiteren Schülerin, Min-Seon Kim, sind derzeit Gemälde in der Düsseldorfer Galerie Niepel bei Morawitz zu sehen.

Kuhna geht es ganz und gar nicht darum, den Kunstbetrieb mit marktkonformen Bildern zu versorgen. Die Realität des Lebens im Kopf und die Farben der Welt vor Augen, kümmert sich schon seine Malerei erfrischend wenig um Trends und zieht gerade daraus ihre Vitalität. Verrätselungen (der Kunstgeschichte, gegenständlicher Einfälle, auto-biographischer Erlebnisse) gehören zur bildnerischen Strategie, die durchaus - und sogar ziemlich häufig - ironische, gar subversive Momente beinhaltet.

Nach Werkphasen, die eine betont flächige, teils konturhafte Gegenständlichkeit zeigen und bereits damit die Bildfläche durch ornamentale Formen gliedern, tritt ab Mitte der siebziger Jahre die ungegenständliche Darstellung in den Vordergrund. Die aktuellen Bilder konstituieren sich aus dem Zueinander einzelner, meist deckender Farbflecken - Striche, Balken, Punkte, lanzettförmige "Tupfen" -, die in mehreren Schichten die Leinwand vollständig bedecken. Dabei ist jedem Farbton eine eigene Form und Systematik auf der Bildfläche zugewiesen. Auch diese Bilder lassen sich verschiedenen Werkgruppen zuordnen.

Was als pulsierendes Strömen, als augenblickliche Zuständlichkeit von Bewegung zu begreifen ist, erweist sich als wohlorganisiertes Geschehen, welches bestimmten Prinzipien folgt. Von unten nach oben, oder von links nach rechts, oder zentrifugal aus dem Bildzentrum heraus oder in dieses hinein strebend, ereignen sich die Systematisierungen als bildimmanentes Geschehen. Dann wieder windet sich eine Folge breiter Pinselstriche - fast wie die Schuppen eines Alligators - durch ein Bild. Und in der Tat sind manche Bilder sogar gegenständlich lesbar, als Erscheinungen der Realität, die nun in die Gestimmtheit ihrer Farben übersetzt sind, dann über die Titel, nicht ohne Hintergedanken, weiter forciert werden: "Staatsbankett", "Schulweg", "Schönes Böses" oder "Meeresgrund".

Hermann-Josef Kuhna ist ein exzessiv arbeitender, um jedes Gemälde ringender Maler. Den Bildern liegt ein komplexer Prozess der Anteilnahme und des reflektierenden Abstands zugrunde. Im Atelier arbeitet Kuhna immer an etlichen Gemälden parallel, bisweilen an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen so gut wie ohne Unterbrechung. Dabei kaum das Haus verlassend, zum Glück anschließend um Bilder reicher, die Bestand haben und einzigartig sind. Erst recht beim Entstehen der Bilder wird das Sehen mit einem flackernden, sich ständig verändernden Farbkosmos konfrontiert, im Vor und Zurück der Bewegung. Der Wahnsinn des Sehens, das Aufsaugen der Welt in ihrer Gesamtheit, wechselt mit einer subtil differenzierenden Sicht.

Wahrscheinlich ergibt sich das eine aus dem anderen, im Malprozess und im Reisen um die Welt mit der sozialen Bewusstheit des Erlebens. In den vergangenen Jahren war Kuhna wiederholt in Asien und in Südamerika. Der Anlass waren Ausstellungen (so in dem Nationalmuseum Santiago de Chile und der Nationalgalerie in Kual Lumpur), das Interesse galt darüberhinaus der Kultur, der gesellschaftlichen Schichtung und den Landschaften in ihrer Unterschiedlichkeit. Stimmung, Licht und Farbigkeit fließen unmittelbar in die Bilder ein, ebenso wie die Erfahrungen der Paläontologie, mit der sich Kuhna seit jeher beschäftigt. Kuhnas Bilder sind abenteuerliche Unternehmungen, die sich auf mehreren Ebenen ereignen. Zwischen zwei sanft schwellenden Hügeln taucht, am Horizont, ein heller Strand auf, der Sand glänzt in der Sonne ...

Thomas Hirsch ist Kurator der Herbert-Weisenburger-Stiftung, Rastatt