STAY!, das heißt: hier bleiben

Im Juni vor zehn Jahren eröffnete der Verein STAY! seine Beratungsstelle, um papierlose Geflüchtete und Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus zu unterstützen. Vorausgegangen war der zweijährige, erfolgreiche Kampf um das Bleiberecht der Romafamilie Idic aus Düsseldorf.

Angefangen hat alles mit einer 17-jährigen Jugendlichen. Ihr Name: Semra Idic. Als sie ein Praktikum bei fiftyfifty begann, waren sie und ihre Familie unmittelbar von der Abschiebung bedroht. Und das nach 17 Jahren erfolgreicher Integration in Deutschland: Semra kam mit ihren Eltern, die vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien und der Diskriminierung als Roma geflohen waren, als Säugling. Die drei Geschwister Merima, Vesna und Edijan sind in Deutschland geboren. Die Kinder waren erfolgreich in der Schule, die Eltern hatten Arbeit. Und doch sollten sie zurück in ein serbisches Elendsdorf nahe der albanischen Grenze. Doch was heißt schon „zurück“. „Zurückschicken kann man Menschen nur dorthin, von woher sie auch kommen“, schrieb Semra damals in ihrem Buch „Wenn nicht sogar sehr – Meine Geschichte unserer verhinderten Abschiebung“, dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass sogar ein Vorwort beigesteuert hat.* “Aber wir Kinder kommen ja nicht aus Serbien.”

Semra musste zusehen, wie ihr Vater gegen alle Proteste dennoch abgeschoben wurde, damit – so die Logik der Ausländerbehörde – auch der Rest Familie, die Mutter, Semra und die drei jüngeren Geschwister „freiwillig“ ausreisen. Doch es kam alles anders. Semra überzeugte den Pfarrgemeinderat der Düsseldorfer Lambertuskirche und so gab es dort das erste Asyl in einem katholischen Gotteshaus – es folgten noch drei weitere im Franziskanerkloster und zwei evangelischen Gemeinden. Durch die große Anteilnahme am Schicksal der Familie Idic, die zahlreiche Unterstützung aus der Stadtgesellschaft und die vielen Medienberichte – sogar die FAZ berichtete ganzseitig - wurde nach fast zwei Jahren zähen Ringens mit den Behörden in Düsseldorf ein Bleiberecht durchgesetzt. Schließlich durfte sogar Semras Vater nach vielen Jahren der Trennung von seiner Familie wieder einreisen. Der Fall erregte bundesweit mediales Aufsehen und wurde zum Prüfstein für Hunderttausende von Abschiebung bedrohter Menschen.

Nach dem Sieg reifte die Idee, einen Verein zu gründen, der Betroffenen in ähnlich schwierigen Lebenslagen unterstützt. Wir wollten eine Beratung für jene Geflüchtete anbieten, die nur geduldet werden und jederzeit abgeschoben werden können. Menschen helfen, die keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen. Zeitgleich entstand eine Initiative von jungen Medizinstudierenden an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Sie wollten ein medizinisches Versorgungsnetzwerk anbieten, das papierlose Flüchtlinge kostenlos behandelt. Denn Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis gehen oft aus Angst vor Entdeckung und drohender Abschiebung mit akuten Erkrankungen nicht zum Arzt, oft sogar in lebensbedrohlichen Notfällen nicht.

So also entstand schließlich vor zehn Jahren der Verein STAY! mit einer Rechts- und Sozialberatung und dem Projekt MediNetz, einer medizinischen Versorgung für papierlose Geflüchteten. Ein Ladenlokal wurde angemietet, die Möbel kamen aus einer Firmenauflösung und ein kleiner Behandlungsraum wurde eingerichtet.
Seit vielen Jahren schon behandeln Ärzte und Medizinstudierende ehrenamtlich und kostenlos Menschen, die sich aus Angst vor Abschiebung nicht in ein Krankenhaus oder in normale Arztpraxis trauten. In manchen Fällen war es buchstäblich Hilfe in letzter Sekunde, wie bei Mariama. Sie kam im achten Monat schwanger in die Sprechstunde, mit starken Schmerzen in ihrem Bauch. Dort hatte sich ein riesiger Tumor gebildet, der drohte, das ungeborene Kind zu erdrücken. Mit der Hilfe des MediNetzes wurde ein Krankenhaus gefunden, wo sie und das Kind gerettet werden konnten. Heute ist ihr Sohn Basiru acht Jahre alt und geht in Düsseldorf in eine Grundschule. Mittlerweile ist mit städtischer Unterstützung eine Clearingstelle und ein aus kommunalen Mitteln refinanzierter Notfallfonds eingerichtet worden, sodass auch kostenintensivere Krankenhausaufenthalte leichter zu ermöglichen sind.

Mit STAY! UNITED wird seit 2010 auch ein spezielles Hilfsprojekt für Kinder und Jugendliche angeboten, die alleine ohne ihre Eltern oder Angehörige nach Deutschland geflohen sind. Auf der Suche nach Schutz vor Krieg und Verfolgung und nach oft monatelanger, gefährlicher Flucht, brauchen gerade diese jungen Menschen besondere Fürsorge. In Kooperation mit einem Fachanwalt kommt den Kindern und Jugendlichen eine umfassende kostenlose Sozial- und Rechtsberatung zu Gute. Es bestehen beste Kontakte zu Schulen, Berufskollegs und Ausbildungsbetrieben. Denn das Erlernen der deutschen Sprache, der Erwerb eines Schulabschlusses und der Beginn einer Berufsausbildung sind entscheidend für gute Lebensperspektive und eine erfolgreiche Integration. Verschiedene Freizeitangebote, unter anderem ein Fußballtraining in Zusammenarbeit mit Fortuna Düsseldorf, werden von den Kindern und Jugendlichen gerne angenommen. Dann treten für ein paar Stunden die schmerzhaften Erinnerungen an die Heimat, an die Eltern und Geschwister in den Hintergrund.

STAY! heißt bleiben und der Name ist Programm. Niemals dürfen wir Geflüchtete dafür verurteilen, dass sie ihre Familie, ihre Liebsten, ihr eigenes Leben in Sicherheit bringen möchten. Wir würden nicht anders handeln, wenn es um unsere eigenen Familien, um unser eigenes Leben ginge. Vergessen wir nicht, wenn wir morgen die Tageszeitung aufschlagen, dass hinter Begriffen wie Flut, Welle und Krise immer ein einzelnes Schicksal, immer ein Mensch steht. Denken wir bei den Tausenden von Toten im Mittelmeer nicht an Schleuserbanden, sondern an eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung. Kardinal Woelki schrieb dazu: „Gott sitzt in einem Flüchtlingsboot.“ Oder der ehemalige UN-Diplomat Jean Ziegler formulierte: „Europa muss sich entscheiden. Für eine zivilisierte Gesellschaft oder für die Barbarei.“

*Das Buch war in kurzer Zeit vergriffen und ist nun online zu lesen: http://www.fiftyfifty-galerie.de/archiv (bis 2007 hinunterscrollen und dann PDF öffnen.