Frohe Weihnachten, alles Gute in 2018 und danke für jede Hilfe

Liebe Leserinnen und Leser,

bis fast zum Schluss waren wir von fiftyfifty eingespannt – in den Bereichen der sozialen Arbeit mit Streetwork, Underdog, east west, Housing First, Straßenleben ..., im Verkauf der Zeitung auf der Straße, in der Galerie, der Redaktion, in den Gremien wie Vorstand und Beirat ... Bis zum Schluss war kaum Zeit, zum Atemholen. Doch dann steht sie vor der Tür, die Weihnachtszeit. Das Fest der Feste hat in einer säkularen Zeit, in einer durchkapitalisierten, globalen Welt viele Umdeutungen erfahren. An erster Stelle stehen wohl leider immer mehr Umsatz und Profit.

Aber wie können wir uns auf das Eigentlich dieses Festes besinnen? Ein Blick auf die Frömmigkeit, verzeihen Sie dieses alte Wort, unserer muslimischen Freunde, kann uns vielleicht ermutigen, religiöse Einsichten und Praktiken, so sie nicht aus Überzeugung sondern aus Bequemlichkeit verloren gingen, neu zu entdecken. Die Begegnung mit unseren muslimischen Nachbarn und ihrer Religiösität mag auch dazu beitragen, pauschale islamfeindliche Vorverurteilungen zu hinterfragen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Etwa im Menschenbild. Egal, ob humanistisch, christlich oder muslimisch geprägt. Uns, die wir guten Willens sind, eint doch wohl die Einsicht, dass der Mensch mit einer ihm eigenen Würde ausgestattet ist, die wir stets zu respektieren haben. Nach der christlichen Botschaft ist Jesus obdachlos auf die Welt gekommen und hat sich als erwachsener Mann unter Einsatz seines Lebens an erster Stelle für die Armen und Entrechteten eingesetzt.

Die Begegnung mit den Armen und der Armut in unserem Land ist für uns bei fiftyfifty von vier Erfahrungen geprägt. Erstens: Armut ist ein Skandal, und wir dürfen sie nicht akzeptieren. Deshalb reicht es nicht, einzelnen Menschen in ihrer Not beizustehen, so wichtig dies ist. Es geht auch darum, die Ursachen für seine Not in den Blick zunehmen und sie zu bekämpfen. Zweitens: Die Begegnung mit armen Menschen lehrt uns Demut. Was wir haben, auch wenn es wenig scheinen mag, ist wertvoll und wir haben auch Grund, dankbar zu sein. Drittens: Die freundschaftlichen Begegnungen mit den uns Anvertrauten führen uns vor Augen, wie bedroht menschliche Existenz sein kann und dass Solidarität kein leeres Wort ist. Und schließlich viertens: Die Dankbarkeit. Dafür, dass es diese Menschen gibt. Dafür, dass sie ein Beispiel geben für das, was wirklich zählt. Dafür, dass sie uns mit ihrer Freude über empfangene Unterstützung beschämen.

Danke möchte ich an dieser Stelle auch allen Kolleginnen und Kollegen, Künstlerinnen und Künstlern sowie den Ehrenamtlichen sagen und nicht zuletzt unseren Spenderinnen und Spendern, also Ihnen. Gemeinsam haben wir viel erreicht. Im letzten Jahr haben wir alle Bereiche unserer Arbeit aufrechterhalten können und den Bereich Housing First sogar stark vorangetrieben. Wir haben in nur zwei Jahren fast 50 Wohneinheiten für Langzeitwohnungslose erwerben und damit fast 50 Menschen dauerhaft von der Straße holen können. Dies werden wir im nächsten Jahr fortführen. Wir haben aber auch zu einem Paradigmenwechsel in der Hilfe für Wohnungslose beigetragen. Mit einer Veranstaltungs- und Vortragsreihe zum Thema, mit vielen Berichten in den Medien, gerade erst mit einem umfassenden Beitrag im Magazin der Süddeutschen Zeitung.

Aus der Begegnung mit Künstlerinnen und Künstlern ist die Einsicht erwachsen: Es geht nicht nur darum, Geld für wichtige Projekte einzunehmen, sondern insbesondere darum, den Diskurs darüber zu beflügeln, was unsere Haltung zum Menschsein ist, weihnachtlich ausgedrückt: zur Mensch-Werdung. Es geht nicht nur darum FÜR Wohnungslose tätig zu sein, sondern auch MIT ihnen. Indem wir sie in künstlerische Aktionen als Akteure mit einbeziehen und indem sie etwa als alternative Stadtführer tätig sind oder als Kummerkästen auf der Straße, transponieren sie den gesellschaftlichen Makel der Armut auf eine neue Ebene. Das, was verachtet wird, bekommt einen Wert, den Wert der authentischen Sicht von unten. Der Mensch braucht Brot und lebt doch nicht vom Brot allein.

Ein alter fiftyfifty-Verkäufer hat mir gesagt: “Ich habe alles verloren, mein Heim, meine Arbeit, meine Familie, meine Kinder. Damit komme ich nur schwer klar. Aber meine Kunden geben mir täglich das Gefühl, dass ich noch wichtig bin.” Wir haben auf facebook 24 Botschaften von der Straße eingestellt. Botschaften, von Menschen, die wir allzu schnell als “ganz unten” verorten. Botschaften, die eindringlich zeigen, wie bedeutsam die Kundinnen und Kunden, also Sie, liebe Leserin, lieber Leser, für Wohnungslose sind. Wegweisende Botschaften, die uns in unserer Sattheit und mit unseren Scheinproblemchen irritieren. Bitte schauen Sie sich das unbedingt einmal auf unserer Facebook-Seite an. Sie werden sehen: Hilfe ist kein Einbahnstraße. Was wir zurückbekommen, ist oft viel mehr, als wir geben.

Ich freue mich auf ruhige Stunden im Kreise meiner Lieben. Der Stress der vergangenen Monate lässt nun nach und es stellt sich ein Gefühl der Freunde ein über das, was wir gemeinsam für unsere Nächsten und mit ihnen tun durften.

Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein gutes, hoffentlich gesundes 2018.

Bitte bleiben Sie uns treu, damit wir weiterhin viele gute Zeichen setzen können.

Herzliche Grüße, Ihr Hubert Ostendorf