Wenn nicht sogar sehr

Meine Geschichte unserer verhinderten Abschiebung (Ein kurzer Auszug)

 

Menschen können schön sein oder noch schöner. Sie können gerecht sein oder ungerecht. Aber illegal? Wie kann ein Mensch illegal sein?

Elie Wiesel (geb. 1928, Überlebender des Holocaust, Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger)

Das bin ich

Ein Mann zeigt anklagend seine Hütte. Das Dach – nur eine Plane. Fließendes Wasser – gibt es nicht. Strom – Fehlanzeige. Der Mann ist noch gar nicht alt und von kräftiger Statur. In den besten Jahren, wie man so sagt. Der Mann weint. „Hier kann doch kein Mensch leben“, bringt er gepresst hervor. An den Wänden ist Schimmel. Auf dem Boden liegt eine alte Matratze. Sie ist nass vom letzten Regen, die Plane ist undicht. Nachts wird es sehr kalt, obwohl die Tage Urlaubswetter versprechen. Aber der Mann ist nicht im Urlaub. (...) Plötzlich kommt ein Junge angerannt. Er spricht deutsch. Plappert ungefragt seine Geschichte ins Mikrofon. „Habe vier Jahre in Wuppertal gewohnt“, sagt er. „Bin dort zur Schule gegangen, bis sie uns abgeholt und hierher gebracht haben.“ Der Junge rennt zu seinen Freunden, ein paar Hütten weiter. Sie spielen Fußball. Ich höre weitere Brocken deutsch und dann eine Sprache, die ich gut kenne: Romanes, die Sprache der Roma. Die Sprache unseres auf der ganzen Welt verstreuten Volkes, das, aus Indien kommend, ab dem 14. Jahrhundert in vieler Herren (und Frauen) Länder Heimat suchte.

Heimat, was ist Heimat?

Der Mann zeigt in südliche Richtung. „Hier leben die Albaner“. Und rund um das Ghetto, durch das die kleine Straße zieht, wohnen die Serben. „Vor 20 Jahren war hier Krieg“, erklärt der Mann. Viele Menschen seien gestorben. Man habe seine Leute vertrieben. Einige haben sich gewehrt und gekämpft. Der Mann wollte nicht töten. Er ist abgehauen. Abgehauen aus seinem Ghetto in Bujanovac, einer 40.000 Einwohner großen Stadt in Südserbien. Zusammen mit seiner Frau und seiner gerade mal zwei Monate alten Tochter.

Die Tochter, das bin ich, Semra Idic, 17 Jahre. Und der Mann, der gerade noch seine Hütte gezeigt hat, ist mein Vater, Vlasta Idic, 38. Ich sehe ihn im Fernsehen an jenem Tag im Mai des Jahres 2006. Sie zeigen, unter welchen erbärmlichen Umständen er nach seiner Abschiebung aus Deutschland leben muss.

Ich würde so gerne die trennende Mattscheibe durchbrechen. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn Papa mich in den Arm nehmen könnte. Wie er es so oft getan hat, als ich noch ein kleines Mädchen war, wenn er mir Mut machen oder mich trösten wollte. Jetzt könnte ich Trost gebrauchen und er sicher auch.

Umzug ins Kirchenasyl

Anfang Juni mussten wir unser erstes Kirchenasyl räumen – eine schöne Wohnung der St.-Lambertus-Gemeinde unter dem Schutz von Stadtdechant Rolf Steinhäuser mitten in der Düsseldorfer Altstadt mit Blick auf den Rhein. Die Wohnung sollte in ein Begegnungszentrum umgebaut werden und die Handwerker waren schon lange bestellt. fiftyfifty hat den Umzugswagen organisiert. Das Wetter war strahlend, die Stimmung dagegen auf dem Tiefpunkt. Würden wir nun unser letztes Domizil in Deutschland beziehen? Hatte der ganze Nervenstress überhaupt einen Sinn, Sollten wir nicht doch lieber „freiwillig“ gehen und uns das Drama der Abschiebung ersparen? Als ich die vielen Helfer sah, fasste ich wieder Mut. Wenn uns ursprünglich fremde Menschen derart unterstützten, war dann die Lage vielleicht doch nicht ganz aussichtslos?

Merima schaute aus ihren großen Augen durchs Fenster auf den Rhein. Ihr Blick war traurig und ging ins Leere. Wir stellten einander vor und wuchteten dann gemeinsam unsere spärlichen Möbel in den Pritschenwagen. Edijan weinte, weil sein neuer, blauer Ball beim Kicken viele Meter hoch an einer steinernen Kreuzigungsgruppe an der Außenwand der Lambertuskirche hängen geblieben war. Tschacko sagte, der Ball würde dereinst ein Mahnmal für das sein, was uns angetan worden sei. Als wir später einmal wieder an dem Kruzifix vorbeikamen, war der Ball nicht mehr sichtbar. Vielleicht war die Luft entwichen und die geschrumpfte Plastikhaut hinter einer Figur verschwunden. Warum auch nicht: Es gab ja dann doch keinen Grund mehr, an unser Schicksal zu erinnern, oder etwa doch? Warum schreibe ich sonst diese Zeilen?

Der treue Josef, ein Mann um die 50, der die regelmäßigen Treffen des Unterstützerkreises leitete und der auch sonst immer mit seiner Familie für uns da war, nahm unseren kleinen, weinenden Bruder in die Arme und tröstete ihn. Während Vesna fleißig beim Beladen half, ging meine Mutter mit verheultem Gesicht wie eine aufgeschreckte Henne, die im Begriff war, ihre Küken zu verlieren, von einem Raum in den anderen. Das Ende der ersten Station eines quälenden Kirchenasyls, das noch etwa ein Jahr dauern sollte – freilich nicht an diesem Ort.

Die nächste notdürftige Unterkunft sollte das Franziskanerkloster sein. Es hat einen großen Innenhof, von dem aus die zusammen mit fiftyfifty betriebene Armenspeisung und der Eingang zum Gästetrakt­­ abgehen, außerdem ein wunderschöner Garten. Wir fanden es sehr mutig, dass die Patres gegen alle öffentlichen Anfeindungen bereit waren, uns Kirchenasyl zu gewähren. Es wurden Stimmen laut, dieser Akt christlicher Nächstenliebe sei illegal. Aber es ging ja nur darum, uns bis zur Ausschöpfung aller legalen Möglichkeiten zu beherbergen. (Wobei manche Unterstützer auch über weitergehende, nicht mehr legale Möglichkeiten mit uns diskutiert haben.) Natürlich hat die Tatsache, dass der Stadtdechant, das Franziskanerkloster und später noch drei evangelische Gemeinden im längsten Kirchenasyl der jüngeren deutschen Geschichte uns Schutz geboten haben, die öffentliche Meinung positiv beeinflusst und wir sind - auch im Nachhinein - unendlich dankbar für so viel Zivilcourage.(...) Die Unterkunft im Kloster erinnerte ein wenig an Katakomben und sie vermittelte mir unmittelbar das Gefühl von Verfolgung – ein bisschen wie bei den ersten Christen im alten Rom. Niedrige Räume mit Deckengewölbe, kein natürliches Licht. Eine kleine, alte Küchenzeile, eine lange, mittelalterlich anmutenden Holztafel, die uns später bei den Unterstützertreffen gute Dienste geleistet hat. In einer Ecke ein Fernseher, zum Glück. Merima hat ihn direkt eingeschaltet und setzte sich mit Edijan auf dem Schoß in einem alten Sessel davor, um ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft anzuschauen. Dabei fiel mir wieder der Solidaritätsbrief einer Unterstützerin ein: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – das offizielle Motto der WM. Während Menschen aus allen Ländern dieser Erde in Deutschland willkommen waren, sollten wir aus diesem Staat, der immer die Heimat von uns Kindern war und seit 17 Jahren die unserer Eltern, entfernt werden und Papa war ja bereits weg, ging es voller Bitterkeit durch meinen Kopf. Was ist daran wohl Gastfreundschaft? Merima machte sich darüber einstweilen keine Gedanken, sie hatte nur Augen für Ronaldinho, ihren großen Schwarm. Als er endlich auf der Mattscheibe auftauchte, geriet sie in Verzückung: „Der ist ja so süüüüüß.“

Nachdem Mama unsere Möbel in verschiedenen Ecken untergebracht hatte, inspizierte sie die Schlafzimmer. Es gab vier mit insgesamt sechs Betten. Mama hätte also mit Edijan in einem Zimmer schlafen können und wir Mädchen in je einem anderen. Doch das wollten wir nicht. Wir bauten uns in dem größten Raum ein Matratzenlager, auf dem wir alle zusammen nächtigen würden. Nächtigen – das traf es genau. Denn richtig schlafen konnten wir schon lange nicht mehr und das zehrte an den Kräften. Wie sollten wir für unser Bleiberecht kämpfen, wenn wir völlig übermüdet waren? Das betraf nicht zuletzt mich, da ich den Großteil der Kampagnenarbeit erledigen musste: Bittbriefe schreiben, Unterstützer treffen, auf Kundgebungen sprechen und so weiter. Hinzu kam, dass der Alltag ja auch irgendwie weiter gehen musste: Edijan in den Kindergarten bringen, zur Schule gehen, kochen, einkaufen und viele Kleinigkeiten, die unser Umzug mit sich brachte wie das Ummelden beim Amt, neue Bahntickets für die Fahrt zur Schule organisieren … alles kostete so viel Zeit und die hatten wir gerade gar nicht. So konnten selbst Kleinigkeiten zu einer großen Belastung werden.

Am späten Nachmittag kamen Bruder Klaus-Dieter, den alle nur K.D. nennen, und der Chef des Klosters, Pater Volkwart. Sie haben uns im Namen der ganzen Gemeinschaft willkommen geheißen und brachten einige Lebensmittel aus dem Bestand der Klause, wie die Armenspeisung für Obdachlose auch heißt, und deren Chef K. D. ist. (...) Bruder Klaus-Dieter ist ein Mönch, wie man ihn sich idealtypisch vorstellt, mit rundem Gesicht und leichtem Bauchansatz, fröhlich und sehr herzlich. Und Pater Volkwart ist ein Abt, wie er im Buche steht, nur noch viel besser. Er strahlt Würde und Autorität aus und ist dabei sehr nett und gütig. Außerdem ist er mutig. Er hat nicht nur das Kirchenasyl für uns ermöglicht, sondern uns auch einmal bei einem unserer schweren, angstbesessenen Gänge zum Ausländeramt begleitet und uns somit das Gefühl von Schutz vermittelt. Es würde bestimmt schwerer, uns im Beisein eines so großen Würdenträgers zu verhaften, dachte ich damals.

Pater Volkwart schenkte Mama ein Marienbild, das sie noch bis heute verehrt. Im Laufe unserer schlimmen Zeit des Bangens und des Hoffens hat sie oft davor gekniet, um bei der Gottesmutter für uns und für alle Menschen in Not zu beten – sogar für unseren Oberbürgermeister, der – wie wir aus der Presse erfahren hatten – an Krebs litt. Nach einer Weile verließ der schon alte Ordensmann, von der Bürde seines Amtes gezeichnet, unsere Katakombe und ließ Bruder Klaus-Dieter mit uns zurück. K. D. schlug unserer erneut weinenden Mutter vor, ab dem nächsten Tag in der Küche des Klosters zu helfen, um sich ein wenig abzulenken. Dies hat sie dankbar angenommen, zumal dort eine Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien arbeitete, mit der sie sich ein weinig verständigen und anfreunden konnte. Außerdem war Mama froh, dass sie sich für die erwiesene Gastfreundschaft mit ihrer Arbeit ein wenig revanchieren konnte.

K. D. wollte uns offenbar aufmuntern. Da die Sonne noch viel Kraft hatte, forderte er uns auf, mit in den Klosterhof zu gehen. Dort spielte er mit Edijan auf der Wiese des Gartens Fußball und bat uns, die in diesem heißen Jahr bereits sehr früh gereiften Kirschen an den Bäumen zu ernten. So waren wir beschäftigt und hatten außerdem einen leckeren Nachtisch für unsere Mahlzeit, die Mama gerade zubereitete. Weil es die erste in der neuen provisorischen Bleibe war und wir alle nach dem traurigen Umzug gar keinen Appetit hatten, kann ich mich noch daran erinnern: Es gab Nudeln mit Ketschup und Schafskäse, dazu gemischten Salat mit Thunfisch. Wer wollte, konnte sich die Speise noch mit geriebenen und getrockneten Pepperoni, wie wir sie lieben, würzen. Ich quetschte mir zusätzlich aus einer großen Plastikflasche Mayonese auf mein Essen – Nervennahrung, die ich in dieser Stressphase einfach brauchte. „Lass es dir nur schmecken“, ermunterte mich K. D.; andere würden unter so einer Belastung vielleicht viel Alkohol trinken und rauchen, was ich beides bis heute nicht tue.

Oder völlig durchdrehen.

Das komplette Buch inkl. eines ausführlichen Anhanges finden Sie in unserem Archiv unter dem Jahr 2007 als PDF. Hier noch ein Link zur Flüchtlingshilfe STAY!, die Semra Idic zusammen mit fiftyfifty und anderen gegründet hat: www.stay-duesseldorf.de