Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf: bis 14.1.2018, Wohnungslose im Nationalsozialismus

Obdachlose, Bettler und andere soziale Außenseiter wurden aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ gnadenlos ausgegrenzt. Die Rassenlehre des Nationalsozialismus erklärte sie zu „Asozialen“, die überflüssig seien und nutzlosen Ballast für die deutsche „arische“ Gesellschaft darstellen würden. Ein unangepasster Lebenswandel, mangelnde Bildung oder Alkoholismus wurden zu vererbbaren Kriterien erhoben, die den deutschen „Volkskörper“ zersetzen würden. Nur wer als „erbgesund“ klassifiziert wurde und Leistungs- und Anpassungswillen nach den Vorgaben des Regimes an den Tag legte, sollte als Mitglied der „Volksgemeinschaft“ solidarische Hilfe erfahren. Wohlfahrt, Gesellschaftspolitik und Verbrechensprävention wurden durch die Nationalsozialisten, unter Rückgriff auf eugenische und „kriminalbiologische“ Ideen seit der Jahrhundertwende, rassisch neu definiert.

Behörden, Kriminalpolizei und Gerichte, Wohlfahrtsverbände und Gesundheitsämter machten sich ab 1933 daran, Menschen ohne festen Wohnsitz, Alkoholiker und Suchtkranke, Gelegenheitsprostituierte, Kleinkriminelle und verarmte Wanderarbeiter zu erfassen, sie „kriminalbiologisch“ zu untersuchen, sie zu sterilisieren oder in Zuchthäuser, Arbeitsanstalten und Konzentrationslager zu verschleppen. Die inhaltlich wenig konkreten und stets erweiterbaren Konzepte von „Volksgemeinschaft“ und „Asozialität“ erlaubten, als problematisch empfundene Menschen aus den Stadtbildern zu entfernen und die Mehrheitsgesellschaft zu disziplinieren.

Um sich dem Thema zunächst überblicksartig anzunähern, leiht die Mahn- und Gedenkstätte die Ausstellung Wohnungslose im Nationalsozialismus der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. aus. Diese Ausstellung wird im Forum der Gedenkstätte Voraussetzungen, Grundlagen und Stationen der nationalsozialistischen Verfolgung im Deutschen Reich erläutern.

Im Julo-Levin-Raum nimmt die Mahn- und Gedenkstätte mit der Schau Ohne Obdach. Ohne Schutz. Soziale Außenseiter im nationalsozialistischen Düsseldorf die Verfolgung von Obdachlosen und als „asozial“ klassifizierten Menschen ganz konkret in Düsseldorf in den Blick. Wo lebten in Düsseldorf in den 1930er Jahren Wohnungslose? Welche Maßnahmen wurden gegen sie ergriffen? Die Ausstellung skizziert auch Biografien von Düsseldorferinnen und Düsseldorfern, die Opfer der Verfolgung wurden, wie Klara Kerz, die als Wohnungslose wegen Kleindiebstahls aus zerbombten Gebäuden hingerichtet wurde.

Ohne Geschichte und Gegenwart miteinander zu vermischen, lenkt der Schweizer Fotograf Leo Gesess in seiner Installation Mittendrin und doch nicht dabei im historischen Luftschutzkeller der Mahn- und Gedenkstätte den Blick auf Obdachlosigkeit in Düsseldorf heute. Durch seinen intensiven Dialog mit Obdachlosen in der Stadt entstanden sehr persönliche Aufnahmen von Wohnungslosen mit ihren Hunden. Gesess‘ multimediale Installation lässt die Besucherinnen und Besucher selbst zum Teil des Düsseldorfer Stadtbildes werden. Sie regt zur Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit heute an: Wie viel Beobachtung, wie viel Beachtung wird Wohnungslosen in Düsseldorf eigentlich zuteil?

Neben Führungen durch die Ausstellungen „Wohnungslose im Nationalsozialismus“ und „Ohne Obdach. Ohne Schutz“ wird ein vielfältiges, ergänzendes Programm angeboten. So gibt es in Kooperation mit dem Projekt „strassenleben“ von fiftyfifty zwei Stadtführungen durch Wohnungslose im heutigen Düsseldorf. Wohnungsnot im Zusammenspiel mit Industrialisierung und Stadtentwicklung analysiert Dr. Peter Henkel, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte, in einer Stadtführung am Beispiel der fast vergessenen Siedlung „Am Zollhaus“ im Gerresheim der 1920er und 1930er Jahre. Dr. Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte, wird mit einem Vortrag zur Düsseldorfer Kriminalpolizei einen der Hauptakteure der nationalsozialistischen Verfolgung von Obdachlosen in den Blick nehmen. Viele Düsseldorfer wurden durch die Behörden in die Arbeitsanstalt Brauweiler bei Köln eingewiesen, die Hermann Daners in einem Vortrag näher vorstellen wird.

Dass Hilfe für Wohnungslose und Sensibilisierung für Obdachlosigkeit im Düsseldorf der heutigen Zeit – bei allen Problemen und Konflikten – dennoch vielen Menschen ein Anliegen sind, zeigt die breite Unterstützung, welche die drei Sonderausstellungen in der Stadt finden. Neben fiftyfifty und grenzenlos e.V., der Diakone Düsseldorf, Dem Paritätischen, dem Caritas-Verband, der Bahnhofsmission Düsseldorf, dem AWO Kreisverband Düsseldorf, dem DRK Kreisverband Düsseldorf, dem Amt für soziale Sicherung und Integration, dem Katholischen Gemeindeverband, dem Kirchenkreis Düsseldorf, dem Dominikanerkonvent St. Joseph und der Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus Sozialwerke e.V. machen sich auch die Altstadt Gemeinschaft e.V., die BürgerStiftung Düsseldorf, der DGB Region Düsseldorf-Bergisch Land, der Heimatverein Düsseldorfer Jonges e. V. und die Düsseldorfer Kommunikationsfirma House of Adwordtising für die Präsentation der Ausstellungen stark.

Die drei Ausstellungen laufen bis Mitte Januar 2018.

 

Bis 14. Januar 2018, OBDACHLOS: Wohnungslose im Nationalsozialismus

Ohne Obdach. Ohne Schutz. Soziale Außenseiter im nationalsozialistischen Düsseldorf

Mittendrin und doch nicht dabei / Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Mühlenstr. 29, 40213 Düsseldorf

Öffnungszeiten: Di-Fr und So 11–13 Uhr, Sa 13–17 Uhr, Mo geschlossen, Eintritt frei